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Pille für den Mann gestoppt

Verhütung bleibt Frauensache. Eine weitere Studie über Hormonpräparate für den Mann wurde gestoppt. Der Preis für die Zähmung der Spermien scheint zu hoch


Wenn Paare noch nicht Eltern werden wollen, müssen sie gemeinsam entscheiden, wie sie verhüten wollen

Was Frauen sich seit Jahrzehnten zumuten, verkraften Körper und Seele von Männern offensichtlich weniger gut: regelmäßige Hormongaben für folgenlose Leidenschaft. Weil zehn Prozent der 400 Testpersonen über Nebenwirkungen wie Depressionen, verringerte Libido und Gewichtszunahme klagten, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre Studie zur Antibaby-Spritze für den Mann eingestellt.

„Wir müssen jetzt ganz neu anfangen“, sagt Projektleiter Professor Michael Zitzmann. Vor zwei Jahren klang das noch euphorischer. Damals hatte der Androloge und Endokrinologe des Centrums für Reproduktionsmedizin der Universität in Münster eine Markteinführung 2012 zumindest für möglich gehalten.



So verhüten Deutschlands Pärchen

Dabei scheitert die Forschung über hormonelle Verhütung für den Mann nicht das erste Mal: 2007 beendete der Pharmahersteller Schering (heute Bayer) in der zweiten von drei notwendigen Testphasen ein ähnliches Projekt. Beinahe alle Teilnehmer hatten unter starken Stimmungsschwankungen gelitten, die sie auf die Medikation zurückführten. Das galt übrigens auch für jene Tester, denen die Forscher gar keine Hormone verabreicht hatten – sondern Placebos.

Ziel der Spermienlosigkeit erreicht

Ihren Test als Verhütungsmittel hat die Methode dagegen in beiden Fällen mit Bravour bestanden. Eine Spermienlosigkeit sei bei allen Teilnehmern erreicht worden, berichtet Zitzmann. Und auch Bayer führte niemals eine unzuverlässige Wirkung als Grund für die eingestellten Forschungsbemühungen an.

Während der Arzneimittelhersteller noch eine Kombination aus Implantat und Injektion verwendet hatte, ließ die WHO die Antibaby-Spritze alleine untersuchen. Dabei wird den Männern alle acht Wochen ein Mix aus Testosteron und dem weiblichen Hormon Gestagen verabreicht. Letzteres drosselt die körpereigene Testosteronproduktion und damit auch die der Samenzellen.

Damit der Testosteronspiegel nicht zu sehr abfällt, wird das männliche Sexualhormon von außen wieder zugeführt. Die Nebenwirkungen, glaubt Zitzmann, verursache das Gestagen: „In der hohen Dosis ist es für den männlichen Körper ein praktisch unbekannter Stoff. Testosteron dagegen ruft bei einer gängigen Ersatztherapie ja auch keine Beschwerden hervor.“

Nun ruhen die Hoffnungen des Hormonexperten darauf, das Gestagen durch eine andere Substanz ersetzen zu können. Andere Mediziner favorisieren eine reine Testosteron-Spritze, wie sie chinesische Wissenschaftler entwickelt haben. Und auch wenn oft von der „Pille für den Mann“ zu lesen und zu hören ist – als Tablette funktioniert Verhütung für ihn wohl eher nicht. Denn die Leber würde oral zugeführte Hormone umwandeln.

Geringes Marktpotenzial schreckt ab

Wie auch immer es weitergeht: Das Interesse der Pharmaindustrie an einer Verhütungsmethode für den Mann scheint derzeit eher gering. Als Schering seinen Ausstieg aus der Forschung bekanntgab, begründete ein Konzernsprecher den Schritt gegenüber der Süddeutschen Zeitung mit der komplizierten Darreichungsform sowie fehlender Akzeptanz und ungenügendem Marktpotenzial.

Seit der Übernahme durch Bayer existiert der Bereich Männerkunde in der Forschungsstrategie der Firma überhaupt nicht mehr, stattdessen wurde die Frauengesundheit zu einem der wichtigsten Schwerpunkte erklärt. Laut Geschäftsbericht 2010 befinden sich aktuell zwei Antibaby-Pillen im Zulassungsprozess, weit fortgeschritten seien die klinischen Prüfungen eines Hormonpflasters sowie einer -spirale.

Verhütungsmittel für die Frau sind für Bayer mit der größte Umsatzbringer. Gerade in Deutschland ist die Pille ein Verkaufsschlager. Über die Hälfte der Frauen, die verhüten, tun das mit der Antibaby-Pille, wie eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt. „Wir sind neben Frankreich Weltmeister im Verschreiben der Pille“, erklärt Dr. Julia Bartley von der Frauenklinik der Charité Berlin.

Eine Untersuchung aus Dänemark etwa ergab, dass 6,8 Millionen deutsche Frauen die Pille nehmen und 6,5 Millionen Französinnen – aber nur 2,6 Millionen Italienerinnen und 2 Millionen Spanierinnen. Die Unterschiede im Verhütungsverhalten seien rein medizinisch-wissenschaftlich nicht zu erklären, sagt Bartley. „Eine große Rolle spielen vielmehr gesellschaftliche Einstellungen, etwa zur Abtreibung, religiöse Normen und soziale Faktoren wie Bildung und Einkommen.“

Für Professor Thomas Rabe liegen die Gründe für den Siegeszug der Antibaby-Pille auf der Hand: Sie sei sehr sicher, verfügbar und bezahlbar. Und sie habe neben der Verhütung weitere positive Wirkungen. „Sie reguliert einen unregelmäßigen Zyklus und reduziert Akne“, erläutert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin.



Diese Probleme haben Frauen bei der Anwendung der "Pille"

Auch Antibaby-Pille hat Nebenwirkungen

Doch auch bei Frauen verursacht die Hormongabe Probleme. Eine Nebenwirkung ist beispielsweise ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel in den Bein- und Beckenvenen. Das gilt insbesondere für sogenannte Pillen der dritten Generation mit bestimmten Gestagenen.

Bis zur Hälfte der Pillenanwenderinnen zwischen 16 und 35 hätten ein drei- bis vierfach erhöhtes Thromboserisiko, meldet das Robert-Koch-Institut. Bei Mitteln der dritten Generation liege es sogar beim Neunfachen des Altersdurchschnitts. „Es ist daher sehr wichtig, bei Patientinnen die familiäre Veranlagung für Thrombosen, Schlaganfälle und Infarkte abzuklären“, betont Rabe. Zudem sollten Frauen über 35, die rauchen, auf eine andere Verhütungsmethode ausweichen.

So gaben in der dänischen Studie über Verhütung in fünf europäischen Ländern denn auch 25 Prozent der Frauen, die die Pille abgesetzt hatten, Nebenwirkungen als Grund an. 16 Prozent nannten Gefahren für ihre Gesundheit, acht Prozent Gewichtsprobleme. Und rund fünf Prozent sagten, die Einnahme von Hormonen sei nicht natürlich.

„Eine natürliche Verhütung ist ein Widerspruch in sich“, meint dagegen Dr. Christian Fiala, Gründer des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien. Natürlich sei es, wenn eine Frau im Lauf ihres Lebens 15-mal schwanger werde. Negative Diskussionen über Hormone kann der Gynäkologe nicht nachvollziehen: „Das zeugt von kollektivem Vergessen.“

Noch vor 100 Jahren hätten Frauen ganz andere Mittel anwenden müssen, um dem „Gebärzwang“ zu entkommen, etwa Scheidenspülungen mit Essig – oder Abtreibung. Die Liste der Dinge, die dafür ausprobiert wurden, ist bedrückend lang. Sie reicht von Seifenlauge und Giften bis hin zu Kleiderbügeln und Nadeln.

Recht auf Geburtenkontrolle

Als Krankenschwester hat Margaret Sanger das Ergebnis der grausigen Bemühungen oft erlebt. Zum Beispiel bei Sadie Sachs. Drei Kinder hat die 25-jährige Frau eines New Yorker Lkw-Fahrers bereits, als sie 1912 bei sich selbst eine Abtreibung versucht. Blutend und bewusstlos findet ihr Mann sie auf dem Küchenboden. Sadie Sachs überlebt – drei Monate. Dann geht sie zu einer Fünf-Dollar-Abtreiberin.

Geschichten wie diese ließen Margaret Sanger zur Vorkämpferin für das Recht auf Geburtenkontrolle werden. Ihr ist es zu verdanken, dass in den 50er-Jahren Geld für die Entwicklung der Antibaby-Pille bereitgestellt wurde. Noch heute ist Verhütung hauptsächlich Frauensache. Und auch die Methoden für den Mann werden eher von Frauenseite gefordert als dass Männer sie herbeiwünschen. In der Tat: Als Zitzmann Tester suchte, riefen ihn zunächst vor allem Frauen an. Sie meinten: „Das kann ja auch mal mein Mann übernehmen.“



Antibaby-Pulver: Mit sogenannten Pulverbläsern gelangten die Mixturen in die Scheide

Historie: Verzweifelte und erfolglose Versuche

Sie wirken wie Rezepte aus Zauberbüchern. Alte Zeugnisse über Verhütungsmethoden zählen beispielsweise Krokodilexkremente, Samen des Rizinusstrauchs oder Weihrauch auf. Frauen führten sich aber auch Barrieren in die Scheide ein. Erste Vorläufer von Diaphragma und Pessar dürften Zitronenschalen gewesen sein und Schwämme, getränkt mit (vermeintlich) spermientötenden Substanzen.

Nach dem Geschlechtsverkehr sollte das Sperma schnellstmöglich aus der Scheide entfernt werden. Ein beliebtes Mittel waren Spülungen. Nach dem Sex eilte die Frau also auf das Bidet oder widmete sich der komplizierten Handhabung eines Spülapparats. Mit diesem leitete sie nicht nur Wasser, sondern etwa Essig oder spezielle Pülverchen in ihren Körper. Sogar Scheidenpulverbläser, die durch das Drücken von Gummiballons funktionierten, zierten die Nachtkästchen.



Genau erklärt: Auf diese Weise sollten sich Frauen nach dem Sex reinigen

Die verhütende Wirkung war gleich null, dafür zerstörten die Prozeduren häufig die Scheidenflora. Zudem blieben die Methoden der wohlhabenden Schicht vorbehalten. Selbst Kondome, lange Zeit aus den Schwimmblasen von Fischen oder dem Blinddarm von Schafen hergestellt, waren teuer. Ärmeren Paaren blieb nur der Coitus interruptus – oder Enthaltsamkeit. Und wenn das nicht klappte: Abtreibung.

Erst als Forscher im Lauf des 19. Jahrhunderts die hormonellen Abläufe im Körper der Frau entschlüsselten, wurde der Weg geebnet für die Antibaby-Pille. 1961 kam das erste Präparat in Deutschland auf den Markt – mit sehr viel höheren Hormondosen als heute und mit dem offiziellen Verwendungszweck „Behandlung von Menstruationsstörungen“. Schwangerschaftsverhütung listete der Beipackzettel als Nebenwirkung auf. Anfangs erhielten nur verheiratete Frauen mit Kindern die Pille. Heute ist sie das erfolgreichste Verhütungsmittel weltweit.

Unser Experte:


Professor Michael Zitzmann, Leiter der WHO-Studie über die Antibaby-Spritze für den Mann.



Julia Rotherbl / Apotheken Umschau; 04.11.2011
Bildnachweis: W&B/Martina Ibelherr, dpa Picture-Alliance/Boris Roessler, W&B/Thomas Pflaum, F1 online/Bridge

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