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Burn-out: Wie Sie gegensteuern können

Es trifft immer mehr Menschen. Doch wer die ersten Anzeichen totaler Erschöpfung erkennt, kann ­gegensteuern. Wie das geht, erklärt der Psychologe Professor Matthias Burisch im Interview


Überlastet: Klink-Ärzte erleiden häufig einen Burn-out

Ausgebrannt. Wie häufig Burn-out vorkommt, können Experten nur schätzen. Das Syndrom gilt nicht als offizielle Diagnose, krankgeschrieben werden Patienten stattdessen oft wegen Depressionen. Doch die Zahlen einer repräsentativen GfK-Umfrage im Auftrag der Apotheken Umschau sprechen eine klare Sprache: Neun Prozent der deutschen Berufstätigen gaben an, sie seien so gestresst und belastet, dass ein Burn-out für sie nicht mehr weit entfernt sei. Sogar 41 Prozent wissen von einem oder mehreren Betroffenen in ihrem Bekannten- und Kollegenkreis.

Herr Burisch, wir reden heute über ein Phänomen, das vor 15 Jahren noch kaum ein Thema war. Warum leiden plötzlich so viele Menschen an Burn-out?

Burn-out gab es schon immer, es hatte nur andere Namen. In der Gründerzeit ab etwa 1860 kam beispielweise das Krankheitsbild Neurasthenie, also Nervenschwäche, auf – nichts anderes als ein Vorläufer von Burn-out.

Wo sehen Sie Parallelen zu heute?

Damals erlebte die Welt wirtschaftlich turbulente Zeiten. Auch heute überfordert das Tempo der Veränderungen viele. Verschärfend kommt der gestiegene Zeitdruck hinzu, auch in der Freizeit. Alles, was Genuss sein kann, verliert seinen Charme, wenn man es schnell oder im Zustand der Erschöpfung tun muss. Denken Sie an Kochen oder Gärtnern.


Audio: Profisportler, Politiker – jeden kann ein Burn-out treffen, weiß Hans Haltmeier, Chefredakteur der Apotheken Umschau

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Burn-out hat also vor allem ­gesellschaftliche Ursachen?

Nicht nur. Natürlich steigt durch Globalisierung die Konkurrenz, ungewisse Zukunftsaussichten treiben zu mehr Arbeit um jeden Preis. Und den Stellenwert von Karriere – oder deren Verlust – setzt unter anderem die Gesellschaft fest. Aber auch die Persönlichkeit des Einzelnen trägt zu Burn-out bei.

Was kennzeichnet eine gefährdete Persönlichkeit?

Meist sind es Menschen, die sich viel von außen diktieren lassen, statt sich nach den eigenen Bedürfnissen zu richten. Und ich habe noch keinen Ausbrenner kennengelernt, der nicht mit mindestens einem Antreiber „gesegnet“ gewesen wäre. Also mit einer Art innerer Stimme, die oft in der Kindheit von den Eltern eingeimpft wird und sagt: Sei ­perfekt! Streng dich an! Sei stark! Mach es allen recht!

Wie befreit man sich davon?

Nicht von heute auf morgen. Zu erkennen, welche Macht die Stimme über mich hat, ist ein erster Schritt. Zudem existieren Gegengifte, etwa stabile soziale Kontakte. Allgemein helfen Bindungen, die nicht mit Leistung zu erreichen sind – neben Liebesbeziehungen oder Freundschaften also Freude an Natur oder Kultur.

Wie sieht Freizeit idealerweise aus? Yoga, Joggen oder nur auf dem Sofa lümmeln?

All das ist gut, wenn es Spaß bringt. Trotz Hobbys sollte jedoch niemand seine ganze freie Zeit verplanen. Freizeit soll Entscheidungsfreiheit bedeuten. Wer spontan tut, wozu er Lust hat, lebt privat das Gegenprogramm zum Büroalltag.

Problematisch ist doch aber, dass viele gar nicht mehr auf Freizeit umschalten können.

Stimmt. Ich rate, jeden Abend mit leerem Rucksack nach Hause zu gehen – ohne Laptop, Akten und ohne restliche Sorgen.

Leichter gesagt als getan ...

Mein Tipp: Führen Sie ein Ritual zwischen Job und Feierabend ein. Trinken Sie einen Cappuccino, oder bummeln Sie durch einen Buchladen, bevor Sie nach Hause ­fahren. So fällt das Umschalten leichter. Gar nicht mehr ­­abschalten können gilt übrigens als eines der wichtigsten Warnsymptome für Burn-out.

Welches sind die anderen?

Erschöpfung, Leistungsabfall, sozialer Rückzug. Oft kommen dann körperliche ­Symptome wie Ohrgeräusche oder ­Magenprobleme hinzu. Burn-out ist ein individueller Prozess, der gerade anfangs noch umkehrbar ist – sofern der Betroffene die Lage erkennt.

Und das tun viele nicht?

Ich hab es verdrängt, verleugnet: Das berichten im Nachhinein viele Ausbrenner. Gestörter Schlaf etwa ist so weit verbreitet, dass man ihn nicht als Warnzeichen deutet. Mindestens die ersten Burn-out-Stadien haben sicher viele schon erlebt.

Sie auch?

Ich habe nie geleugnet, dass ich Burn-out nicht nur von außen betrachte, sondern auch von innen kenne. Einmal wurde mir dann freundlich der Spiegel vorgehalten. Das hat geholfen.

Was machen Sie seither anders?

Ich beobachte mich sorgfältiger, halte meinen Perfektionismus im Zaum, sage häufiger Nein. Allerdings ist mein Leben generell ruhiger geworden.

Was raten Sie Menschen, die noch mitten im Berufsleben stehen?

Es ist nicht die Arbeitsmenge per se, die zu Burn-out führt. Es sind die Gefühle, mit denen man die Arbeit verrichtet. Versuchen Sie, Spaß zu haben. Schätzen Sie Ihre Belastungsgrenzen ehrlich ein. Und halbieren Sie Ihren ­­Fernsehkonsum.

Wieso das denn?

Für mehr Zeit zum Nachdenken über Fragen wie: Was muss ich ändern, was akzeptieren? Hören Sie mehr auf Ihr Inneres!

Andere Dinge haben Angestellte aber wiederum nicht selbst in der Hand.

Ich weiß. Vor allem Arbeitgeber sollten aufmerken bei Zielen, die nur mit 150 Prozent Einsatz erreichbar sind. Burn-out-gefährdet sind aber leider oft genau die Mitarbeiter, von ­denen jede Firma träumt: solche, die sich jeder Zumutung reflexartig beugen.


Unser Experte: Professor Matthias Burisch, Universität Hamburg



Julia Rotherbl / Apotheken Umschau; 14.11.2011
Bildnachweis: W&B/Manfred Witt, Getty Images/Tetra Images

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