Es gibt kaum ein Thema, bei dem Vorurteile auch im Jahre 2010 noch derart salonfähig sind, wie beim Fußball. So steht nach wie vor für viele männliche Hobby- und Sofa-Kicker fest: „Frauen haben keine Ahnung von dem Spiel. Und deswegen sollen sie während der heiligen 90 Minuten gefälligst die Klappe halten.“
Ist das gerecht? Die Aktualität des Themas zwingt mich zu einer Stellungnahme. Denn bei der Fußball-Weltmeisterschaft möchte auch ich mit meinen Mädels einen Platz vor der Leinwand ergattern. Und zwar vorne in der Mitte!
Um also mich und all meine diskriminierten Fußballfan-Schwestern ein für allemal von der Ersatzbank zu holen, habe ich die „Frauen-und-Fußball-Frage“ an dieser Stelle einmal völlig objektiv – und geradezu wissenschaftlich durchleuchtet.
Zunächst bat ich meine männlichen Bekannten, Ihre Meinung zu dem Thema abzugeben. Wie kaum anders zu erwarten, umschloss die Ausbeute diverse chauvinistische Belehrungen und Beleidigungen sowie "lustige" Hinweise auf Videos, in denen Kicker-Frauen Tore mit ihrem Busen schießen. Auf den Punkt brachte es schließlich mein Freund Marcel: "Ich verstehe die Frage nicht. Was hat denn Fußball überhaupt mit Frauen zu tun?"
Leider kann ich nicht leugnen, dass Aussagen wie "Schatzi, sind wir die Gelben oder die Grünen?" oder "Wieso regst du dich so auf? Das ist doch nur ein Spiel!" nicht gerade von einer eingehenden Beschäftigung mit der Materie unsererseits zeugen. Trotzdem haben auch wir Frauen ein Recht auf ein Dasein als Fußballfan. Ihr Männer müsst einfach nur verstehen, dass das schöne Geschlecht etwas anders an das Thema herangeht als ihr.
Weitere Recherchen ergaben nämlich, dass es durchaus Spieler gibt, die dem weiblichen Fanblock wohlbekannt sind. Inklusive Körpergröße, Beziehungsstatus und Augenfarbe. Beispielsweise der portugiesische Stürmer Christiano Ronaldo (1,84 Meter, braune Augen, ledig) erfreut sich größter Beliebtheit. Und der ist nicht nur hübsch, der schießt auch Tore – und das nicht zu knapp. Wer traut sich jetzt noch uns vorzuwerfen, wir hätten unsere Hausaufgaben nicht gemacht?
Selbstverständlich geht es uns aber nicht nur um Äußerlichkeiten. Nein, wir sind auch mit dem Herzen dabei. Oder wie erklärt Ihr Männer Euch die Mädchen und Frauen, die nach einer Niederlage der Nationalelf tränenüberströmt in die Kameras schluchzen? Weinen die alle nur, weil sie die Abseitsregel immer noch nicht verstanden haben? Sicherlich nicht! Auch in der weiblichen Brust schlägt zuweilen ein echtes Fanherz. Und sei es nur während der WM, was soll's? Und übrigens: Wenn wir auch mit einem gefoulten Italiener Mitleid haben, dann ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern einzig und allein von Menschlichkeit!
Na gut, eine gewisse weibliche Unsicherheit auf den Rasen, der euch die Welt bedeutet, lässt sich leider nicht leugnen. Eine mögliche Erklärung hierfür fand ich in den Geschichtsbüchern des deutschen Frauenfußballs. Nachdem der Sport lange Zeit als moralisch verwerflich galt, verbot der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Frauenfußball komplett. In den Jahren 1955 bis 1970 galt: "Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand“, so befunden vom Bundestag des DFB am 30. Juli 1955 in Berlin. Wie könnte eine derartige Aussage der weiblichen Fußball-Begeisterung keinen Dämpfer verpasst haben?
In Einzelgesprächen mit Hardlinern des männlichen Lagers sprach Mann uns dann aber doch gewisse Kompetenzen im Fußballzirkus zu. Zwei Beispiele: 1. Gern gesehen sind weibliche Fans, die ihre Mannschaftstreue durch das Tragen von schwarz-rot-goldenen Bikinis beweisen. 2. Sollte die gewünschte Figur dazu fehlen, dann dürfen wir auch jederzeit als Kellnerin in Erscheinung treten. So können wir die nervlich schwer mitgenommenen Kerle vor dem Fernseher nämlich wunderbar mit Bier und Chips versorgen. Autsch! Da bleibt uns Frauen eigentlich nur noch, die rote Karte zu ziehen. Platzverweis!
Zum Schluss noch eine Frage, ihr lieben Hobby-Günther-Netzers da draußen: Wieso darf ich eigentlich nicht fragen, auf welches Tor gerade geschossen wird, ein Star-Kicker aber ungestraft Sätze von sich geben wie: "Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst." (Denkwürdiges Zitat von Georg Best, Spieler des englischen Fußballvereins Manchester United.)
Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de;
11.06.2010, aktualisiert am 10.07.2010
Bildnachweis: W&B/Privat, istock/FOTOCROMO
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