Steil ist gar kein Ausdruck. Wenn vergangene Woche jemand zu mir gesagt hätte, ich solle diesen Hang auf einem Rad hinunterfahren, hätte ich ihm den Vogel gezeigt, wäre abgestiegen und zu Fuß gegangen. Heute geht das nicht. Im „Ladies-Kurs“ von Kurt Exenberger herrscht zwar kein Leistungsdruck, aber Angsthäsinnen sind auch hier fehl am Platz.
Und obwohl der Frauen-Workshop für das Mountainbiking im Gebirge eine abgeschwächte Variante des Herrenprogrammes darstellt, ist er „nicht geeignet für Warmduscherinnen, die glauben, dass ihre Trinkflaschen mit Champagner gefüllt werden, und die statt Bike lieber eine Sänfte hinaufnehmen würden“, wie es Exenberger, Inhaber der „Bike-Academy Kitzbüheler Alpen“ in Kirchberg, den Teilnehmerinnen etwas drastisch zu verstehen gibt.
Die Technik verbessern, flotter fahren, sich einfach mehr trauen – das versprechen sich neben mir auch die anderen drei Teilnehmerinnen Karin, Monika und Nina von dem Wochenendkurs. Schnell wird uns klar, auf was es ankommt beim „Bergradlfahren“: Körperhaltung und Balance, effektives Bremsen und Schalten sowie eine angepasste Trittfrequenz.
Bikepark: Üben bis zum Umfallen
Also bitte nicht: bergab bremsen, was das Zeug hält. Wer das tut, riskiert blockierte Räder und verschlissene Bremsbeläge. Man verliert die Kontrolle über das Rad und endet im schlimmsten Fall verletzt im Graben. Die richtige Technik erlernen wir im Bike-Park. Das Areal besteht aus grasbewachsenen Hügeln, von denen sich schmale Wege hinunterschlängeln. Wir stehen auf der höchsten Hügelspitze, vor uns erstreckt sich ein „Single-Trail“, eine Art Trampelpfad für Radfahrer. Er ist nicht nur unglaublich steil und eng, sondern endet scheinbar auch im Nirgendwo. Zumindest von hier oben ist nicht ersichtlich, wie der Weg verläuft. Aber auf einer Tour wäre das ja genauso.
„Wenn ihr einen Berg hinunterfahrt, steht aus dem Sattel auf“, ruft uns Kurt das zuvor Erlernte ins Gedächtnis. „Die Füße auf den Pedalen müssen parallel stehen, so habt ihr die beste Balance. Verlagert den Schwerpunkt nach hinten, indem ihr die Arme durchstreckt.“ Das entlastet das Vorderrad. Sonst bricht das Bike beim Anbremsen schon bei leichter Schräglage aus, ein unfreiwilliger Purzelbaum wäre die Folge.
Und los geht‘s! Ich erhebe mich aus dem Sattel, strecke Arme und Beine und lege jeweils Zeige- und Mittelfinger an die Vorderrad- und Hinterradbremse. Auf diese Weise kann ich das Tempo optimal dosieren. So rolle ich den Hang hinunter, im Schneckentempo, aber das ist egal. Unten angekommen, zittern die Knie. Geschafft!
Das Bergauffahren ist eine weitere, schweißtreibende Übungseinheit. Wenn es richtig steil wird, muss der Körperschwerpunkt nach vorne verlagert werden, indem die Ellenbogen so weit wie möglich nach hinten und nach unten „gezogen“ werden. Wer diese Technik nicht beherrscht, läuft Gefahr, dass sich das Vorderrad hebt und man rücklings vom Rad fällt.
Auf einem flachen, grasbewachsenem Gelände proben wir verschiedene Falltechniken, mit denen sich eventuelle Stürze wenigstens ohne größere Blessuren meistern lassen. Stürze drohen immer, beispielsweise wenn die Räder in tiefem, schlammigen Untergrund stecken bleiben. Um nicht auf die Nase zu fallen, ist es in einer solchen Situation wichtig, das Gleichgewicht zu halten. „Fahrt einige Meter, bremst leicht und lasst Bike und euch auf eine Seite fallen. Stützt euch mit dem abgewinkelten Bein ab. Auf jeder Seite übt ihr das fünfmal.“
Apotheken Umschau;
02.09.2005, aktualisiert am 27.06.2010
Bildnachweis: PhotoDisc/RYF
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