Spürt euch, wie ihr steht“, sagt Andrea Hennen. Ihre Stimme füllt ruhig und klar den Raum. Es ist kurz nach neun Uhr am Morgen, die Kursteilnehmer stehen breitbeinig in Gymnastikhosen und Socken auf dem weinroten Teppichboden. „Verlagert das Gewicht von einem Bein auf das andere – und spürt, wann es auf dem rechten Bein ruht.“ Die Klienten haben die Augen geschlossen und fühlen in ihre Körper hinein.
„Was musst du mit dem Kopf tun, um das Gewicht auf die andere Seite zu bringen?“ Nur die Stimme von Andrea Hennen durchbricht die Stille. Sie beobachtet die langsamen Bewegungen der Teilnehmer. Bei dem Mann in der kurzen Turnhose sieht selbst das einfache Pendeln im Stand angestrengt aus. „Was können die Knie tun, um das Gewicht zu verlagern?“ Nacheinander lenkt die Lehrerin die Konzentration auf verschiedene Körperteile: die Knöchel, den Bauch, die Schultern. „Ihr spürt: Es kommt auf viele Komponenten an. Und jetzt geht ein paar Schritte zur Erfrischung.“
Andrea Hennen gibt eine Feldenkrais-Lektion. Diese Lernmethode ist nach ihrem Begründer Moshé Feldenkrais (1904 bis 1984) benannt. Sie strebt eine bessere Wahrnehmung des eigenen Körpers an. Zunächst soll sich der Schüler bewusst werden, welche Automatismen er sich in seinen Bewegungen angeeignet hat. Im nächsten Schritt lernt er, diese Bewegungen neu und anders auszuführen. So lassen sich akute oder chronische Schmerzen lindern, die aus Haltungsfehlern oder Überbelastungen folgen. Und der Schüler kann Bewegungsabläufe verfeinern, im Sport wie bei der Arbeit.
Hennen ist 45 Jahre alt. Die gelernte Masseurin und Physiotherapeutin hat nach einer vierjährigen Ausbildung das Diplom als Feldenkrais-Lehrerin erworben. „Mit dieser Methode entdeckte ich, wie viele Möglichkeiten ich habe, mich zu bewegen. Es gibt kein Falsch oder Richtig. Ich habe die Wahl“, erzählt sie. „Ohne Feldenkrais hätte ich nicht das Skifahren gelernt – ich wäre viel zu steif.“
Die Entdeckung der eigenen Möglichkeiten vermittelt sie in einem Kurs in Sils-Maria im Engadin. Jeden Morgen nach dem Frühstück treffen sich die Schüler zu einer einstündigen Lektion, danach entscheiden sie sich: zum Langlaufen in die Loipe oder mit Alpinskiern auf die Piste. Alle Kursteilnehmer haben die 40 überschritten, Frauen sind in der Mehrheit.
Gestern beobachtete die Lehrerin, wie ein Teilnehmer beim Stockeinsatz in der Loipe seine Kraft unnütz verpulverte. Er mühte sich mit den Armen ab und brachte die kräftigen Muskeln am Rumpf nicht zum Einsatz. Die nächste Lektion soll bewusst machen, wie sich diese körpereigene Ressource nutzen lässt.
Die Sonne scheint in den Raum, draußen liegt mehr als ein Meter Schnee. Die Schüler liegen seitlich auf grünen Schaumgummimatten, die Beine rechtwinklig angezogen. Auf Kommando rollen sie die Köpfe nach rechts, dann drehen sie das rechte Knie nach oben, im nächsten Schritt bewegen sich Kopf und Knie gegengleich. „Wringt den Rumpf richtig aus“, sagt die Lehrerin, „aus ihm kommt die Kraft.“
Moshé Feldenkrais war ein Forscher, der über seine Disziplin hinausdachte. Geboren in Russland und nach dem Ersten Weltkrieg nach Palästina ausgewandert, promovierte er an der Pariser Universität in Physik. Feldenkrais war aktiver Judokämpfer, aber eine Knieverletzung behinderte ihn in seinem Sport. Durch Selbstbeobachtung und wissenschaftliche Forschung erkannte er, wie der Bewegungsapparat mit den Fähigkeiten des Gehirns zusammenhängt. Doch ihm ging es nicht in erster Linie um Gymnastik oder sportliches Training. Mit seiner Methode wollte er den Menschen helfen, die Beschränktheit der Bewegungen genauso zu überwinden wie die des Bewusstseins. Eines seiner grundlegenden Bücher trägt den Titel „Bewusstheit durch Bewegung“.
Nach einem Tag im Schnee kommen die Kursteilnehmer vor dem Abendessen zur zweiten Lektion. Auch diese dauert eine Stunde. Eine Übung in Bauchlage, die nächste auf dem Rücken. Die Bewegungen fließen langsam, wie bei einer Gliederpuppe werden die einzelnen Gelenke bewegt. Die meisten Übungen kosten keine Kraft. „Je leichter, desto besser“, erklärt die Lehrerin. Sie macht viele Pausen. „Man muss dem Nervensystem Ruhe geben, damit es ohne Anspannung lernen kann“, lautet ein Grundsatz. „Die Lektion am Abend wirkt wie die Löschtaste beim Computer: Im Körper lösen sich die Anstrengungen des Tages.“
„Normalerweise habe ich im Skiurlaub nach drei Tagen dicke Knie“, sagt Connie Schmidt am Ende der Woche, „aber jetzt spüre ich keine Schmerzen. Ich habe gelernt, den Schwung mit dem Kopf einzuleiten, und dann dreht sich der ganze Körper mit."
Johannes Schweikle / Apotheken Umschau;
10.03.2011
Bildnachweis: W&B/Michael Reusse
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