Sie schrubben sich die Haut wund, weil sie sich schmutzig fühlen. Sie prüfen zum x-ten Mal, ob die Haustür wirklich verschlossen ist. Andere zählen jeden Pflasterstein auf dem Weg, um die Kontrolle über ihr Leben zu behalten. Mit harmlosen Macken und Ticks haben diese Verhaltensweisen nichts zu tun. Menschen, die zwanghaft immer wieder bestimmte Rituale ausführen müssen, sind krank.
„Zwangserkrankungen sind häufiger als gedacht. Zwei bis drei Prozent der Bevölkerung erkranken im Lauf ihres Lebens“, berichtet die Privatdozentin Dr. Katarina Stengler, Leiterin der Ambulanz für Zwangserkrankungen am Universitätsklinikum Leipzig sowie Ratgeber-Autorin.
In Deutschland sind dies rund 1,5 Millionen Menschen. Dabei trifft es beide Geschlechter etwa gleich häufig. Frauen leiden öfter unter Wasch-, Männer unter Kontrollzwang. Häufig tritt das Leiden schon in der frühen Jugend auf, manchmal auch bei kleineren Kindern. „Der Großteil der Betroffenen erkrankt vor dem 25. Lebensjahr“, weiß Stengler.
Ob Menschen aus panischer Angst vor Dreck und Krankheitserregern sich selbst, die Wohnung oder vermeintlich verschmutzte Gegenstände stundenlang nach festgelegten Regeln putzen, viele Stunden am Tag damit zubringen, Besteck, Geschirr oder Wäsche millimetergenau in Schränke und Schubladen zu legen, oder von dem Gedanken gepeinigt werden, ihren Nachbarn auf die Bahngleise zu stoßen – all diesen Menschen ist eines gemeinsam: „Sie erkennen, dass ihr Tun im Prinzip unsinnig oder zumindest übertrieben ist, können sich aber nicht dagegen wehren“, sagt Dr. Bernhard Osen, Chefarzt der Schön-Klinik Bad Bramstedt.
Denn die Rituale haben eine wichtige Funktion: Sie verhindern, dass Ängste und Anspannung, die noch unerträglicher erscheinen als die Zwangshandlungen, sich ins Unermessliche steigern.
Scham und Peinlichkeit
So unwiderstehlich für die Betroffenen der Zwang ist, zu kontrollieren, zu waschen, zu ordnen oder zu sammeln, so klar ist ihnen die Unsinnigkeit ihres Handelns. Schuldgefühle, Scham und Peinlichkeit sind ein Grund dafür, dass sich die meisten viele Jahre mit ihrem Leiden quälen, bevor sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Im Durchschnitt vergehen sieben bis zehn Jahre nach dem ersten Auf treten der Probleme, manchmal noch mehr.
Zu diesem Zeitpunkt wird der Alltag längst von den Zwängen und Ritualen beherrscht. „Zwangskranke versuchen bis zum letzten Tag ihren Pflichten nachzugehen“, sagt Katarina Stengler. „Erst wenn alles nicht mehr geht, suchen sie professionelle Hilfe.“
Das ist etwa dann der Fall, wenn sie regelmäßig zu spät zur Arbeit kommen, weil sie sich morgens immer wieder vergewissern müssen: Ist der Herd wirklich ausgeschaltet und die Tür tatsächlich abgeschlossen? Oder wenn Ordnen und Putzen so viel Raum beanspruchen, dass kaum mehr Zeit zum Schlafen bleibt. Oder wenn sich zu den Zwängen auch noch Depressionen und Angststörungen gesellen.
Ein weiteres Problem: Lange Zeit wird die Erkrankung banalisiert, weil der Übergang von normalem zu zwanghaftem Verhalten oft fließend verläuft. Freunde und Bekannte raten, einfach mit dem unsinnigen Gebaren aufzuhören. Die Betroffenen selbst verharmlosen die Erkrankung als Marotte oder Persönlichkeitsmerkmal – man müsse es eben besonders ordentlich und reinlich haben.
Katarina Stengler weiß: Das ist eine fatale Fehleinschätzung. Sie enthält die unausgesprochene Überzeugung, dass man die Probleme selbst in den Griff bekommt. Das verzögert den Beginn einer Behandlung und schmälert die Erfolgsaussichten.
Zwangserkrankungen haben viele Ursachen. Es gibt eine erbliche Komponente: Direkte Angehörige eines Betroffenen tragen selbst ein erhöhtes Risiko. Biologische Ursachen lassen sich nachweisen, wie Stoffwechselstörungen im Gehirn, speziell des Botenstoffs Serotonin. Immunologische Faktoren können eine Rolle spielen.
Eine Erziehung mit vielen Tabus, Regeln und Einschränkungen fördert die Krankheitsentstehung. Hinzu kommen Umwelteinflüsse wie Stress oder traumatische Erlebnisse, die als Auslöser zum Ausbruch der Krankheit beitragen.
Erfolgreiche Verhaltenstherapie
„Für die Therapie gibt es klare Richtlinien“, berichtet Stengler. Den meisten Patienten hilft eine Kombination aus einer Verhaltenstherapie und einer medikamentösen Behandlung mit bestimmten Antidepressiva, sogenannten Serotonin-Aufnahmehemmern.
Das erfolgreich in der Verhaltenstherapie eingesetzte Verfahren ist die „Reizkonfrontation mit einer Reaktionsverhinderung“. In Begleitung des Therapeuten stellt sich der Patient den Situationen, die er sonst meidet. Jene Zwangshandlungen, die er in solchen Momenten ausführen würde, sind verboten. Das heißt etwa, er muss eine schmutzige Türklinke anfassen, ohne sich hinterher die Hände zu waschen.
Es kann auch bedeuten, den Herd einmal abzuschalten, ohne dem Impuls zur mehrmaligen Kontrolle zu folgen. Leiden Betroffene unter Zwangsgedanken, sollen sie diese bewusst herbei rufen, sich mit den Inhalten konfrontieren und lernen, diese ebenfalls auszuhalten. Der Patient erlebt nicht nur, dass die Anspannung nachlässt, sondern auch, dass er die Situation ertragen kann und dass nichts Schreckliches passiert.
Deutliche Besserung
Was so einfach klingt, ist ein langer und schmerzlicher Prozess. Doch am Ende erleben bis zu 75 Prozent der Betroffenen dank einer solchen Therapie eine so deutliche Besserung ihrer Beschwerden, dass sie ihrer Arbeit nachgehen und ihren Alltag ohne Unterstützung bewältigen können.
Aber selbst wenn die Patienten ihre Krankheit im Griff haben, sind sie nicht immer „geheilt“. Viele merken es jedoch rechtzeitig, wenn in belastenden Situationen der Impuls zum zwanghaften Ordnen, Putzen oder Zählen wieder übermächtig wird.
Eine gute Therapie bietet das Rüstzeug, rechtzeitig gegenzusteuern, etwa mit Methoden zur Krisen- und Stressbewältigung. Im Idealfall begleitet der Therapeut die Patienten zurück in den Alltag. „Die Menschen müssen wieder leben lernen“, berichtet Katarina Stengler. „Manchmal wissen sie nicht einmal mehr, wie man eine Mahlzeit zubereitet.“
Besonders gut kann die Behandlung in spezialisierten Ambulanzen oder Kliniken gelingen, wo Therapeuten mehrerer Fachrichtungen zusammenarbeiten. Oft schließt sich an einen mehrmonatigen Klinikaufenthalt eine ambulante Psychotherapie an. Eine solche Behandlung kann rund zwei Jahre beanspruchen.
Experten bemängeln, dass es unter den in Deutschland niedergelassenen Psychotherapeuten noch immer zu wenige gibt, die sich auf das Krankheitsbild spezialisiert haben. „Die Versorgung ist nicht zufriedenstellend“, kritisiert Antonia Peters, Vorsitzende der Gesellschaft für Zwangserkrankungen. „Die Patienten müssen drei Monate bis ein Jahr auf einen geeigneten Therapie platz warten.“ Das ist umso bedenklicher, als die frühzeitige Behandlung den Therapieerfolg entscheidend beeinflusst.
Sich selbst Mut zu machen und sich in einem ersten Schritt gegenüber einer Person des Vertrauens zu öffnen, rät Katarina Stengler den Betroffenen. Das kann zum Beispiel der Hausarzt sein, der vielleicht an einen spezialisierten Therapeuten überweist oder Informationen und Broschüren weitergibt. „Langsam entwickelt sich ein Netzwerk von Anlaufstellen“, berichtet die Fachärztin.
Oft tragen die Angehörigen lange Zeit das rätselhafte Verhalten des Partners oder des Kindes, des Bruders oder der Schwester mit. Sie dulden, dass wegen eines Waschzwangs die Wasserrechnung extrem steigt oder dass aus Angst vor Mikroben sämtliche Familienmitglieder ihre Kleidung bereits vor der Wohnungstür ablegen müssen. Damit verbessern sie aber nichts. Im Gegenteil: Sie unterstützen die Symptomatik.
Angehörige leiden mit
In der Ambulanz für Zwangserkrankungen am Universitätsklinikum Leipzig gehören deshalb zur Therapie auch Übungen mit den Angehörigen. Diese müssen lernen, Grenzen zu setzen und ihr eigenes soziales Leben mehr zu pflegen. Selbst das Genießen steht für sie auf dem Übungsplan.
Unsere Expertin:
Dr. Katarina Stengler ist die Leiterin der Ambulanz für Zwangserkrankungen am Universitätsklinikum Leipzig.
Mehr Informationen:
Maria Haas, Apotheken Umschau;
18.04.2011, aktualisiert am 02.04.2012
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