In der 1970er Jahren beobachtete der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi, wie Menschen in ihre Tätigkeit so vertieft waren, dass sie nichts mehr um sich herum wahrnahmen. Er erfand für dieses Phänomen den griffigen Namen "Flow".
Seitdem bezeichnen Psychologen als Flow den Zustand, bei dem eine Person völlig in dem aufgeht, was sie gerade macht. „Die Person ist dabei sehr konzentriert, die Tätigkeit geht wie selbst von der Hand“, sagt Anne Landhäußer von der Abteilung Sozialpsychologie an der Universität Ulm. Man genießt, was man gerade tut. Die Sorgen und Gedanken des Alltags verschwinden. Oft geht auch das Zeitgefühl verloren.
"Beim Flow empfindet die Person die Aktivität selbst als Belohnung, nicht nur ihr Ergebnis", erklärt Landhäußer. Ebenfalls zum Flow-Erleben gehört das Gefühl, die Kontrolle über das Geschehen zu besitzen und das Ziel klar vor Augen zu haben.
Flow kann bei vielen Tätigkeiten auftreten. Das kann beim Lesen, Autofahren oder im Büro sein. Auch beim Sport kommt es häufig zu Flow-Empfindungen. Etwa beim Joggen, wenn einen die Beine nach einiger Zeit wie von selbst tragen.
Doch was genau ist Flow? Eine eindeutige Definition gibt es nicht. Meist werden Flow-Erlebnisse mit Glücksempfindungen in Verbindung gebracht. Csikszentmihalyi setzt Flow sogar mehr oder weniger mit Glück gleich.
Für Professorin Regina Vollmeyer geht diese Definition zu weit. "Flow stellt sich ein, wenn wir ein hohes Maß an Aktivität erreichen. Etwa beim Felsklettern", so die Dozentin für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Universität Frankfurt. "Dabei ist man aber meist zu sehr beansprucht, um wirklich Glück zu empfinden", erklärt Vollmeyer. Das kommt eher hinterher, wenn einem die eigene Leistung bewusst wird.
Einig sind sich die meisten Wissenschaftler, unter welchen Bedingungen Flow auftritt: "Die Anforderungen der Aufgabe und die erlebten Fähigkeiten der Person müssen genau zusammen passen", sagt Vollmeyer. In anderen Worten: Die Aufgabe darf weder über- noch unterfordern. Es kommt auf die richtige Balance an. Unter diesen Umständen kann sogar das Lösen von Matheaufgaben zu einem Flow-Erleben führen, wie Experimente an der Universität Ulm ergaben.
Beim Sport oder bei künstlerischen Arbeiten sind wir sehr aktiv und haben die Kontrolle über das Geschehen. Deshalb tritt Flow oft bei diesen Aktivitäten auf. Bei passivem Verhalten dagegen weniger. "Etwa beim Entspannen vor dem Fernseher oder in der Badewanne", sagt Anne Landhäußer. Auch beim Warten an der Bushaltestelle kommt der nächste Bus mit großer Wahrscheinlichkeit eher als dass sich ein Flow-Erlebnis einstellt.
Doch wie diese Bedingungen ein Flow-Erleben auslösen, ist unbekannt. Ebenso, was währenddessen im Körper passiert. Oft wird Flow mit der Ausschüttung von Dopamin und Endorphinen in Verbindung gebracht. Ersteres wird umgangssprachlich auch als "Glückshormon" bezeichnet, letzteres sind körpereigene Opioide. Experimentell bewiesen sind diese Zusammenhänge nicht.
"Die neurologischen Grundlagen von Flow sind schwer zu erforschen. Man müsste dazu bei Laborexperimenten einen Flow gezielt herbeiführen, während die Person im Scanner liegt oder verkabelt ist. Das ist nicht unmöglich, aber schwer umsetzbar", erklärt Landhäußer. Ein Flow stellt sich nun einmal eher bei freiwilligen Handlungen im Alltag ein, als bei einer im Labor vorgesetzten Aufgabe.
Unter Umständen kann Flow auch Suchtcharakter entwickeln. Regina Vollmeyer ist allerdings skeptisch, ob man bei Flow tatsächlich von Sucht sprechen kann. "Tatsache ist, dass Flow einen motiviert, bestimmte Situationen wieder zu erleben." Zum Teil mit negativen Folgen.
Zum Beispiel bei Computerspielern, die nur noch spielen und andere Kontakte vernachlässigen. Bei Steilwandkletterern und anderen Extremsportlern kann ein rauschhaftes Flow-Erleben dazu führen, die Sicherheitsvorkehrungen zu vernachlässigen.
Sport- oder Kunsttherapien nutzen zum Teil die mit Flow-Erleben verbundenen Glücksgefühle und Motivationsschübe. Beide Therapieformen kommen beispielsweise oft bei der Behandlung von Depressionen zum Einsatz. Eine Studie der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg stellte fest, dass Flow-Erfahrungen im Rahmen einer Sporttherapie depressive Patienten zusätzlich motivierten, sich auch nach der Therapie sportlich zu betätigen. Diese Flow-Erlebnisse kamen durch eine individuelle Anpassung der Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der einzelnen Patienten zustande.
Zudem gibt es Anzeichen, dass während des Flows-Erlebens die Leistungsfähigkeit steigt. Es ist allerdings nicht ganz klar, was dabei Ursache und Wirkung ist. Trotzdem kann dieses Wissen praktischen Nutzen beim Lernen oder Arbeiten haben. Wer seine Aufgaben nach dem richtigen Anspruchsniveau auswählt und mögliche Ablenkungen im Voraus beseitigt, erhöht seine Chancen, einen Flow-Zustand zu erreichen.
Längst wird der Flow-Effekt auch populärwissenschaftlich vermarktet. Ratgeberbücher geben Tipps für möglichst viele Flow-Erlebnisse. Landhäußer sieht das kritisch. "Flow kann auch anstrengend sein", sagt sie. Experimente an der Universität Ulm zeigen, dass bei einer Passung zwischen Anforderungen und Fähigkeiten, wie sie auch für Flow-Erfahrungen notwendig ist, eine erhöhte Konzentration an Cortisol auftreten kann – ein Anzeichen für Stress.
Ein dauerhafter Flow-Zustand ist für Landhäußer deshalb nicht erstrebenswert. Der menschliche Körper benötigt auch seine Ruhephasen. Und so ist es mit dem Flow letztlich wie mit jedem Glück. Es ist bekanntlich flüchtig.
Stephan Soutschek / www.apotheken-umschau.de;
30.05.2011, aktualisiert am 30.03.2012
Bildnachweis: Thinkstock/Hemera
Senioren Ratgeber mit Informationen rund um Krankheiten, Medikamente, gesund alt werden, altersgerechtes Wohnen, Pflege und Finanzen
Diabetes Ratgeber mit den Schwerpunkten Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit
Baby und Familie mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge, Kinderkrankheiten, Homöopathie und Erziehung