Schon das halbe Leben vorbei… Und was kommt da jetzt noch? Zwischen 40 und 50 haben viele Menschen eine Sinnkrise
Er, Mitte 40, sieht gut aus – trotz Falten und grauer Haare. Neben ihm sitzt, im roten Flitzer, eine kesse Blondine, gerade mal Anfang zwanzig. Dieses Paar bedient zwei Klischees: Sie ist auf sein Geld aus. Er steckt in der Midlife-Crisis.
Aber gibt es die überhaupt? „Ja, viele Menschen machen in der Lebensmitte eine Krise durch“, sagt Svenja Lüthge, Diplom-Psychologin aus Kiel. Auch Dr. Gernot Langs, Psychotherapeut und Chefarzt der Schön Klinik für Psychosomatik in Bad Bramstedt, bestätigt: „Die Midlife-Crisis gibt es tatsächlich.“ Beide Experten halten sie für eine Sinnkrise, in der ein Mensch auf sein Leben zurückblickt und sich fragt, was in Zukunft noch kommen soll.
Mann und Frau können gleichermaßen in die Krise geraten. Der typische Fall ist zwischen 40 und 50, hat eine Familie und einen geregelten Job. Die Kinder sind bereits erwachsen und außer Haus. Zugleich spürt er oder sie, dass die Falten tiefer werden, die Haare ergrauen, die Fitness nachlässt. Genau aus solchen Gründen beginnen Menschen zu grübeln: War es das schon? Was will ich noch erleben, ändern, anders machen? „Man hinterfragt sein Leben“, erklärt die Kieler Psychologin.
Lüthge bemerkt an bestimmten Gefühlen, dass ihre Patienten womöglich eine Midlife-Crisis durchmachen. Sie sind häufig unzufrieden mit sich und ihrem Umfeld, wollen Veränderungen, rebellieren. Der eine kauft sich den langersehnten Sportwagen, der andere übt plötzlich auf der Gitarre. Auch Partnerschaften brechen auseinander. Mann und Frau glauben, sie passen nicht mehr zusammen, leben mehr nebeneinander als miteinander. Lust und Leidenschaft gehen verloren.
Trifft das Klischee vom älteren Mann und der jungen Freundin also zu? „Männer suchen sich teilweise schon jüngere Partnerinnen“, sagt Lüthge. Ihre Begründung: Er verspürt mit der Neuen mehr Energie und Leidenschaft, glaubt, die alten Lebensgeister seien wieder erwacht. Doch die Psychologin warnt: „Meist hält diese Beziehung nicht ewig, denn die jüngere Frau möchte auch Kinder, ein Haus, ein geregeltes Leben.“ Und dann gelange der Mann wieder in den selben Kreislauf, aus dem er vorher ausgebrochen ist. Langs merkt an, dass „sich auch Frauen in diesem Lebensabschnitt einen jüngeren Partner suchen“. Aus den gleichen Gründen wie bei Männern. Allerdings sei diese Variante in der Öffentlichkeit weniger präsent.
Beide Experten betonen: Die Midlife-Crisis ist nichts Negatives, keine Krankheit. Sie stellen weder eine Diagnose, noch sprechen sie von Symptomen. „Ich sehe diese Sinnkrise in der Lebensmitte sogar als eine Riesen-Chance“, meint Psychiater Langs. Mann und Frau hätten dadurch die Möglichkeit, ihre zweite Lebenshälfte bewusst anders zu gestalten. Lüthge ist da ähnlicher Meinung: „Man kann das Ruder noch mal herumreißen.“ Er und sie könnten Träume verwirklichen, ihr Leben vielleicht ein letztes Mal völlig umkrempeln.
Was also tun? Wer ins Grübeln gerät, sollte zunächst Bilanz ziehen. Mann und Frau sollten sich fragen, was sie bisher erreicht haben und was sie sich von ihrem Leben noch versprechen. „Ich rate, kurz-, mittel- und langfristige Ziele aufzuschreiben“, erklärt Lüthge.
Ein Beispiel: Um den Bauch haben sich ein paar Pölsterchen gebildet, die ungemein stören. „Dann muss ich mir sagen: Okay, ab sofort unternehme ich etwas dagegen“, so die Expertin. Sie hält es für sehr wichtig, Ziele und Wünsche in die Tat umzusetzen – es zumindest zu versuchen. „Dann fühlt man sich gleich besser“, weiß die Psychologin.
Wer glaubt, mit seinem Partner unglücklich zu sein, dem rät Langs: „Paare sollten sich überlegen, ob sie wirklich 25 gemeinsame Jahre einfach aufgeben möchten.“ Was geschieht mit den Kindern, dem Haus, den Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse? „Wer viele Jahre zusammenlebt, muss die Beziehung möglicherweise auf eine andere Ebene stellen“, schlägt der Psychotherapeut vor. Auf dieser Ebene stehen weniger Lust und Leidenschaft im Vordergrund, sondern vielmehr das, was zwei Menschen in vielen Jahren zusammengeschweißt hat.
Übrigens: Svenja Lüthge sagt, dass es nicht nur eine Lebenskrise gibt. „Ein Mensch macht quasi alle zehn Jahre eine durch.“ Nach der Schule, nach der Ausbildung, in der Lebensmitte. Diese Krisen helfen, das Leben immer wieder zu überdenken und neu zu gestalten.
Dr. Martina Melzer / www.apotheken-umschau.de;
23.05.2011
Bildnachweis: iStock/Anouchka
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