Fast unerträglich ist dieser Schmerz. Urplötzlich durchzuckt er die Wade, meist mitten in der Nacht. Es dauert Sekunden bis Minuten, dann verschwindet er wieder. Wadenkrämpfe können jeden heimsuchen, vom jungen Hochleistungssportler bis zum 70-Jährigen. "Wobei Wadenkrämpfe überwiegend in fortgeschrittenem Alter auftreten", sagt Dr. Jochen Schäfer, der die Muskelsprechstunde im Muskelzentrum der Universitätsklinik Dresden leitet.
Warum die Krämpfe gerade im Schlaf auftauchen, ist noch nicht vollständig geklärt. Es könnte aber damit zusammenhängen, dass wir die Füße nachts in eine entspannte Position bringen. "Die meisten Menschen lassen ihre Füße während des Schlafs leicht in Richtung Matratze `hängen´", erklärt Neurologe Schäfer. Durch diese Lage verkürzen sich die Muskelfasern in den Waden. Bewegen wir uns dann unwillkürlich, werden die verkürzten Muskeln über einen Reflex weiter angespannt. Das kann letztendlich die Krämpfe auslösen.
Die Wade ist besonders anfällig für Krämpfe, weil wir sie tagsüber oft ziemlich beanspruchen. „Überlastete Muskeln gehören zu den wichtigsten Faktoren, die Krämpfe auslösen“, bestätigt der Muskelspezialist. Auslöser kann zum Beispiel Radfahren, Bergwandern oder Schwimmen sein. Beim Schwimmen kommen gleich mehrere ungünstige Faktoren zusammen: Erstens spreizen wir die Füße von uns und spannen die Waden durchgehend an. Zweitens lockert kühles Wasser die Muskeln nicht gerade und drittens schwitzen wir. Das führt manchmal dazu, dass Menschen im Schwimmbad einen Wadenkrampf bekommen, der durchaus gefährlich werden kann.
Schwitzen wir, verliert der Körper Wasser und Salze – neben Natriumchlorid (Kochsalz) zum Beispiel Magnesium und Kalzium. Diese beiden Mineralien spielen eine wichtige Rolle, wenn sich Muskeln anspannen und entspannen. Fehlt Magnesium in den Muskelfasern, verkrampfen sie sich eher. Der Salz- und Wasserhaushalt des Körpers kann zudem durch die Einnahme von Abführmitteln oder entwässernden Bluthochdrucktabletten durcheinander geraten. Auch andere Medikamente kommen potenziell als Ursache für Wadenschmerzen infrage, unter anderem bestimmte Cholesterinsenker. Wer zu wenig trinkt, was vor allem ältere Menschen betrifft, begünstigt ebenfalls Wadenkrämpfe. Nicht zuletzt greifen Hormone in den Salz- und Wasserhaushalt ein, weshalb Schwangere häufig von verhärteten Waden geplagt werden.
Auch Krankheiten kommen als Auslöser in Betracht. So stecken manchmal Gefäßerkrankungen wie die „Schaufensterkrankheit“ hinter den Beschwerden. Ebenso wie ein Diabetes mellitus, Erkrankungen des Nervensystems oder Bandscheibenprobleme. „Wer regelmäßig oder sehr intensive Krämpfe in den Waden bekommt, die auch tagsüber auftauchen, sollte unbedingt einen Arzt aufsuchen“, rät Schäfer. Am häufigsten haben wir es allerdings mit der Sorte Krämpfen zu tun, für die Ärzte keine genaue Ursache kennen – den sogenannten idiopathischen Wadenkrämpfen.
Wen die schmerzende Wade nachts aus dem Traum reißt, hat wohl nur einen Gedanken: Der Schmerz soll aufhören. Sofort! Das gelingt, indem der Betroffene die Wade dehnt. Und zwar so: Im Bett liegen bleiben und versuchen, mit den Händen die Zehenspitzen zu erreichen und den Fuß leicht zum Körper hinzuziehen. Alternativ hilft Aufstehen. Dann die Füße gerade auf den Boden stellen und den Oberkörper leicht nach vorne beugen. „Dehnen ist die beste, einfachste, sicherste und effektivste Methode, einen Wadenkrampf im Akutfall anzugehen“, sagt der Muskelexperte. Eine warme Dusche oder Massage hilft ebenfalls.
Magnesium empfiehlt sich eher vorbeugend. Hat sich die Wade bereits verkrampft, dauert es zu lange, bis eine geschluckte Magnesiumkapsel über den Magen-Darm-Trakt in den Muskel gelangt. In Wasser gelöste Brausetabletten wirken schneller und können – nach dem Dehnen – zusätzlich helfen. Sinnvoller ist jedoch, bereits am Tag die Magnesiumspeicher aufzufüllen. Besteht ein Mangel an diesem Mineralstoff, eignen sich hoch dosierte Präparate aus der Apotheke – in Form von Tabletten, Kapseln oder Brause. Darüber hinaus wirkt eine magnesiumreiche Kost mit Vollkornprodukten, Obst und Gemüse Krämpfen entgegen.
Reichen diese Maßnahmen nicht aus, setzt Neurologe Schäfer den Arzneistoff Chinin ein. Das Mittel löst sehr effektiv Krämpfe, kann aber in seltenen Fällen gefährliche Nebenwirkungen verursachen. „Ich rate Patienten daher, die Einnahme von Chinin immer vorab mit dem Arzt abzuklären“, sagt Schäfer.
Dr. Martina Melzer / www.apotheken-umschau.de;
12.08.2010, aktualisiert am 09.05.2012
Bildnachweis: W&B/Martin Ley
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