Dr. Kerstin Kemmritz, Apothekerin: "Medikamente dürfen nie in die Toilette oder in den Ausguss gekippt werden."
Unzählige Tabletten, Salben und Tropfen lagern die meisten Deutschen in ihrem Arzneischrank. Ist das Verfallsdatum erreicht, müssen sie aussortiert werden. Apothekerin Dr. Kerstin Kemmritz informiert, wie sich Alt-Arzneimittel sicher und umweltgerecht entsorgen lassen.
Frau Dr. Kemmritz, gehören alte Medikamente nicht einfach zurück in die Apotheke?
Im Prinzip ist das der sicherste Weg. Bis vor Kurzem nahmen alle Apotheken die abgelaufenen Präparate auch zurück. Es gab ein bundesweites und für Apotheken kostenloses Entsorgungssystem, das so funktionierte: Eine spezialisierte Recyclingfirma holte die abgelaufenen Arzneien aus den Apotheken ab, um sie fachgerecht zu entsorgen. Aufgrund einer neuen EU-Verpackungsordnung wurde dieses flächendeckende Modell aber 2009 eingestellt.
Was hat sich dadurch verändert?
Es gibt keine einheitliche Lösung mehr. Und die regionalen Entsorgungskonzepte, die sich inzwischen herausgebildet haben, bringen alle erhebliche Zusatzkosten für die Apotheken mit sich. In meiner eigenen Apotheke haben wir uns jetzt für die sogenannte „Medi-Tonne“ entschieden – ein Sammelsystem für Apotheken in Berlin, das die dortige Apothekerkammer mit der Stadtreinigung entwickelt hat. Der Medikamentenabfall, den die Apotheken in den abschließbaren Tonnen sammeln, wird später in einem Müllheizkraftwerk verbrannt.
Müssen Apotheken Altarzneien überhaupt zurücknehmen?
Nein. Gesetzlich sind sie nicht dazu verpflichtet. Allerdings bieten viele es als freiwilligen Service an. Unser Apothekenteam hat sich auch aus Gründen des Umweltschutzes entschieden, abgelaufene Medikamente zurückzunehmen. Für unsere Stammkunden ist diese Leistung unentgeltlich; andere Kunden müssen einen kleinen Teil der Kosten selbst tragen. Es kann aber auch vorkommen, dass Apotheker die Annahme von Altmedikamenten ablehnen und ihren Kunden empfehlen, sie in den Hausmüll zu werfen.
Das klingt nicht gerade nach einer umweltfreundlichen Lösung!
Aus Umweltgesichtspunkten lässt sich nichts dagegen sagen, sofern der Hausmüll verbrannt wird. Das ist heutzutage in Deutschland die überwiegende Entsorgungsform. Durch den Verbrennungsprozess werden die Arzneistoffe zerstört, sodass sie das Grundwasser nicht belasten können. Aus Gründen der Sicherheit ist diese Lösung allerdings umstritten. So könnten spielende Kinder oder auch Erwachsene die Präparate wieder aus dem Mülleimer fischen. Wer seine abgelaufenen Pillen also in den Hausmüll gibt, sollte sie am besten in Zeitungspapier einschlagen oder in einem anderen Behälter tarnen.
Worauf ist bei der Entsorgung noch zu achten?
Spritzen und Kanülen dürfen wegen der Infektionsgefahr nur in speziellen Boxen oder festen Gefäßen mit dem Hausmüll entsorgt werden. Auf keinen Fall in den Restmüll gehören Quecksilberthermometer. Sie müssen stets als Sondermüll bei den Sammelstellen abgeliefert werden. Bei der Müllverbrennung würde das hochgiftige Quecksilber sonst in die Umwelt gelangen. Grundsätzlich gilt natürlich: Arzneimittel dürfen nie in die Toilette oder den Ausguss gekippt werden, um den Wasserkreislauf nicht zu belasten.
Dr. Luitgard Marschall / Apotheken Umschau;
07.06.2011
Bildnachweis: W&B/Andreas Friese
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