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Wie unsere Heilpflanzen wachsen

Das Rohmaterial für pflanzliche Arzneimittel stammt häufig aus heimischem Anbau. Oberstes Ziel ist die hohe Qualität der Wirkstoffe


Umgeben von Stacheln: Gärtner Reinhard Frömel schneidet die lila Köpfe der Eselsdiestel ab

Es ist kurz vor sieben Uhr morgens, und die Helfer sind schon bei der Arbeit. Die Bedingungen für die Ernte der Eselsdistel sind an diesem Tag Anfang Juli ideal. Die Wärme und das frühe Licht haben viele Blütenköpfe der mannshoch wachsenden lilafarbenen Stauden frisch zum Erblühen gebracht. Ausgerüstet mit dicken Handschuhen, schneiden Gärtnermeister Reinhard Frömel und sein Team die stachligen Bälle einzeln ab.

Viel Zeit haben die fleißigen Hände nicht. Noch vor zehn Uhr muss die Eselsdistel geerntet sein, die wertvolle Substanzen für ein anthroposophisches Arzneimittel gegen Herzbeschwerden liefert. Dann wird es so heiß, dass die kuglige Blüte anfängt zu welken und die Güte ihrer Inhaltsstoffe empfindlich leidet.



Handarbeit: Erntehelferin Ellen Werneth pflückt eine voll erblühte Dolde des Liebstöckels

Die Kultivierung von Frischpflanzen für die Arzneimittelproduktion ist sehr aufwendig. Von der Aussaat und Aufzucht der Jungpflanzen im Frühling bis zur Ernte einige Monate später erfolgen fast alle Schritte in zeitintensiver Handarbeit. Die Art und Weise des Anbaus, Ernteverfahren und -zeitpunkt beeinflussen die Qualität des Pflanzenmaterials für Arzneimittel entscheidend. So verzichten die Unternehmen zum Beispiel auf künstlichen Dünger und chemische Pflanzenschutzmittel.

Auch Maschinen werden nicht eingesetzt, da sie nicht so akkurat arbeiten wie der Mensch. „Die Eselsdistel blüht über einen längeren Zeitraum immer wieder nach. Wir gehen etwa vier- bis fünfmal durch das Feld und ernten nur die voll aufgeblühten Blüten von Hand ab“, berichtet die Agrar-Ingenieurin Eva-Maria Walle. Sie ist stellvertretende leitende Gärtnerin eines Heilpflanzengartens nahe Schwäbisch Gmünd, der einem Hersteller von Heil- und Körperpflegemitteln gehört.

Gramm- oder tonnenweise

In dem Garten mit einer Anbaufläche von 20 Hektar wachsen 180 verschiedene Heilpflanzen – zum Beispiel Johanniskraut, Bittersüßer Nachtschatten, Schachtelhalm, die Echte Schlüsselblume und Ringelblumen (Calendula). Je nach Ausgangspflanze und Zielprodukt werden unterschiedliche Mengen an Blättern, Stängeln und Wurzeln für die Herstellung der pflanzlichen und homöopathischen Arzneien gebraucht. „Vom Schachtelhalm ernten wir nur 250 Gramm für die Herstellung eines potenzierten Arzneimittels, von der Calendula dagegen 14 Tonnen, zum Beispiel für eine Wundsalbe“, erklärt Walle.

Kurze Wege von der Anbaufläche zu den jeweiligen Verarbeitungsstätten gewährleisten beim heimischen Anbau von Arzneipflanzen die maximale Qualität und eine ideale Konzentration der Wirkstoffe in den benötigten Pflanzenteilen. Nach einer optischen Begutachtung der Lieferung und stichprobenartigen Analysen im Labor werden Blätter und Blüten zu einer sogenannten Urtinktur verarbeitet, oder es werden Trockenextrakte für medizinische Präparate gepresst.

Saat aus eigener Zucht

Damit die Pflanzen gut gedeihen, düngen die Gärtner ausschließlich mit organischen Materialien und Kompost. Nach jeder Vegetationsphase bekommt der Boden durch Gründüngung ausreichend Zeit, sich zu erholen. In Schwäbisch Gmünd sind die Flächen dann mit blau blühendem Bienenfreund (lateinisch Phacelia tanacetifolia) bepflanzt.

Die Gärtner streben bei der Kultivierung der Flächen einen autarken Kreislauf an: Sie züchten aus den Samen ihrer Heilpflanzen eigenes Saatmaterial, um die Zukäufe von außen zu verringern. Chemische Pflanzenschutzmittel sind tabu. Die Richtlinien für die Herstellung pflanzlicher Arzneimittel entsprechen denen für ökologischen Anbau oder sind sogar noch strenger.

Um optimale Wachstumsbedingungen zu schaffen, werden die Setzlinge in großzügigen Abständen gepflanzt. Durch die Pflanzenreihen kann dann der Wind streichen, sodass die Blätter nach einem Regen schneller trocknen. Das beugt Schädlingsbefall, Schimmelpilzen und Mehltau vor. Falls sich beispielsweise dennoch Blattläuse über die Gewächse hermachen, werden sie ausschließlich mit natürlichen Mitteln bekämpft.

Nützlinge gegen Schädlinge

„Wir pflanzen bestimmte Zwischenpflanzen, die Insekten anziehen, die dann wiederum die Läuse fressen“, sagt Walle. In den Arzneipflanzenkulturen Staffort, die ein Hersteller von Homöopathika nahe Karlsruhe betreibt, arbeiten die Gärtner gezielt mit Nützlingen. „Wir setzen Florfliegen, weiße Fliegen und Schlupfwespen gegen Läuse ein“, berichtet der Gärtnermeister Pedro Kussmann. „Per Hand sammeln wir zum Beispiel Kartoffelkäfer vom Bilsenkraut ab.

Andere Pflanzen werden im Wasserstrahl geduscht und so von Läusen befreit.“ In den Gewächshäusern sorgen chinesische Zwergwachteln und indische Brillenvögel dafür, dass Schädlinge nicht überhandnehmen. Die Vögel picken die Tiere vom Boden und von den Pflanzen. Im Freiland tragen Brutkästen dazu bei, Vögel anzusiedeln. Auf der Anlage in Staffort mit ihren durch die Nähe zum Rhein besonders fruchtbaren und sandigen Schwemmlandböden gedeiht das Ausgangsmaterial für die Herstellung homöopathischer Einzel- und Komplexmittel.

Auf der etwa zwölf Hektar großen Fläche wachsen 500 verschiedene Pflanzenarten – von einjährigen Kräutern über mehrjährige Stauden bis hin zu Sträuchern und Bäumen. Von den meisten Arten werden nur je fünf bis 30 Kilogramm Rohmaterial geerntet. „Größere Mengen von bis zu einigen Tonnen bringen wir von Sonnenhut, Ringelblume und Ballonrebe ein“, sagt Kussmann. Insgesamt sammeln die Mitarbeiter in Staffort 40 bis 60 Tonnen Pflanzenmaterial. Dadurch werden zwei Drittel des Mengenbedarfs für die Produktion homöopathischer Arzneimittel gedeckt.

Natürliche Artenvielfalt erhalten

Für homöopathische und anthroposophische Arzneimittel aus heimischen Pflanzen benötigen die Hersteller relativ geringe Mengen des Ausgangsmaterials. Heilpflanzen dagegen, von denen Hunderte Tonnen an Blättern, Wurzeln und Blüten gebraucht werden, wachsen in der Regel auf riesigen Plantagen – viele im europäischen Ausland, in Asien oder Afrika. Das dämmt Wildsammlungen ein und verhindert das Ausreißen der wertvollen Pflanzen in den Herkunftsländern.

Trotz starker Nachfrage nach natürlichen Rohstoffen für medizinische Präparate bleibt so die Artenvielfalt erhalten. Manche Exoten werden mit viel Gärtnerfleiß auch in Deutschland heimisch. In den Folienhäusern bei Schwäbisch Gmünd ist es Eva-Maria Walle gelungen, das Brutblatt anzubauen, das viel Wärme benötigt.

Andere Pflanzen sind weniger flexibel – etwa das Mexikanische Läusekraut aus Mittel- und Südamerika und der giftige Strophantus aus Malawi, welche die Agrar-Ingenieurin vergeblich zu kultivieren versuchte. Sie brauchen die speziellen Pflanzengemeinschaften und klimatischen Bedingungen, die sie nur in ihren Ursprungsländern finden.



Starke Nachfrage: Calendula wird in großen Mengen geerntet

Eine Auswahl öffentlicher Heilpflanzengärten:

  • Heilpflanzengarten Celle, Wittinger Str. 76, 29223 Celle; Eintritt frei
  • Arzneipflanzengarten des Botanischen Gartens der Universität Würzburg, Julius-von-Sachs-Platz 4, 97082 Würzburg; Eintritt frei
  • Arzneipflanzengarten des Botanischen Gartens München- Nymphenburg, Menzinger Straße 65, 80638 München; Eintritt abhängig vom Veranstaltungsprogramm
  • Arzneigarten des Botanischen Gartens der Universität Kiel, Olshausenstraße 40, 24098 Kiel; Eintritt frei


Ute Essig / Apotheken Umschau; 20.06.2011, aktualisiert am 20.06.2011
Bildnachweis: W&B/Bernhard Huber

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