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Schaden Tattoos der Gesundheit?

Viele Menschen lassen ihre Haut mit Tattoos verzieren. Kann das eigentlich krank machen? Professor Wolfgang Bäumler hat die medizinischen Folgen des permanenten Körperschmucks erforscht


Tattoo – Kunst oder Proletenstempel? Hier gehen die Meinungen auseinander

Der Matrose mit dem Anker, der Häftling mit der Träne, die blondierte Tresenfrau mit dem Tribal über dem Po – umgangssprachlich auch gerne als Arschgeweih bezeichnet... Aber auch der Naturvolk-Priester mit den Linien am ganzen Körper oder die Dame aus der Oberschicht mit dem roten Permanent Make-up-Mund: Tätowierte Menschen gibt es in allen Alters-, Bevölkerungs- und Gesellschaftsschichten.

Die Bilder und Zeichen in der Haut können eine religiöse Überzeugung oder eine Gruppenzugehörigkeit anzeigen. Oder sie fungieren schlicht und ergreifend als subjektiv wahrgenommene Verschönerung.


Fest steht: Wer schön sein will muss leiden. Sich ein Tattoo stechen zu lassen ist eine schmerzhafte Angelegenheit. Aber ist das Bild in der Haut auch gesundheitsschädlich? "Verallgemeinern lässt sich die Antwort nicht. Aber auch wenn ich wirkliche Meisterwerke der Tattookunst gesehen habe, ich würde mich nicht tätowieren lassen. Dafür weiß ich zu viel", so Professor Wolfgang Bäumler, Physiker und Tattoo-Forscher an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie der Universität Regensburg. Und das ist ja eigentlich schon eine deutliche Aussage.

So entsteht ein Tattoo

Ein Tattoo entsteht, indem der Künstler die Haut seines Kunden mit Nadeln verletzt. Diese sind entweder in Farbe getaucht oder auf der Haut befindet sich bereits Farbe. Durch die kleinen Wunden gelangen die Farb-Pigmente in die tieferen Hautschichten und dort bleiben sie dann. Für immer.

Ein Risiko beim Tätowieren geht von den Farben aus. "Sie sind weder ein Arzneimittel, obwohl sie in die Haut eingebracht werden", so Bäumler. "Noch sind sie ein Kosmetikum, denn dieses würde lediglich auf die Haut aufgetragen werden." Somit unterliegen die schwarzen und bunten Pasten weder der einen noch der anderen Kontrollaufsicht.

Restprodukte aus der Industrie

Bäumler hat im Rahmen seiner Forschungsarbeit zu Tattoofarben eine große Onlinebefragung gestartet. Rund 4000 Menschen haben sich beteiligt. Den Ergebnissen zu Folge entscheiden sich zwei Drittel der deutschen Tätowierten für schwarze Bilder und Schriften, ein Drittel ist bunt verziert.

Die Farben sind meistens Restprodukte aus der Industrie. Sie wurden nie dafür hergestellt, in den Menschen injiziert zu werden. Und hier liegt auch das Problem. "Für die industrielle Anwendung, zum Beispiel zum Färben von Autoreifen, mag Karbonschwarz optimal sein, im Körper kann es jedoch gefährliche Reaktionen auslösen", warnt der Physiker. Karbonschwarz gewinnt man durch Verbrennung, durch Ruß.

Bei der Verbrennung entstehen oft polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Viele davon stehen unter Verdacht, krebserregend zu sein. Von 20 getesteten schwarzen Tattoofarben fanden Bäumler und sein Team lediglich eine einzige, die keine PAKs enthielt. "Die anderen waren alle hoch belastet", so der Forscher. Seit 2009 gibt es vom Gesetzgeber eine Tätowiermittelverordnung. Diese legt fest, welche Inhaltsstoffe erlaubt sind und welche nicht.

So die Theorie – leider sieht die Realität noch immer ganz anders aus. Viele Farben kommen aus dem Ausland. Aus China, Amerika oder Großbritannien. Oft steht gar nicht auf der Flasche, was überhaupt alles drin ist. Inzwischen gibt es immerhin die ersten Hersteller, die ihren Produkten eine Chargennummer verpassen. "So kann man bei Problemen wenigstens rückverfolgen, was eventuell nicht gestimmt hat", erklärt Bäumler.

Krebserregende Stoffe

Auch die bunten Farben stammen zumeist aus der Industrie. Gefertigt wurden sie ursprünglich, um beispielsweise Autos, Plastikgeschirr oder andere Konsumgüter bunt zu machen. Meistens handelt es sich um Azopigmente. Diese zerfallen bei der Spaltung in krebserregende Amine. Der Zerfall kann bereits durch UV-Licht – also Sonnenstrahlen – angestoßen werden. Die Verordnung von 2009 verbietet zwar den Einsatz spaltbarer Azopigmente, aber viele Tätowierer holen sich ihre Pasten sowieso aus dem Ausland. Und da gilt die Verordnung nicht.

Der Körper erkennt das Tattoo als Fremdkörper und versucht es wieder loszuwerden. Durch enzymatische Auflösung der Pigmente und durch schlichten Abtransport. Ungefähr ein Drittel der eingebrachten Farbe wird in den ersten Wochen aus dem Tattoo wieder ausgespült. Die Pigmente sammeln sich zum Teil in den Lymphknoten. "Operiert man einen Menschen mit einem schwarzen Tattoo am Rücken sieht man, dass auch die Achsel-Lymphknoten schwarz gefärbt sind", so Bäumler.

Außer den bedenklichen Farbstoffen haben Bäumler und sein Team in vielen Tattoofarben auch Weichmacher gefunden. "Was die darin zu suchen haben, wissen wir auch nicht", so Bäumler. Auch diese Zusatzstoffe stehen unter dem Verdacht, krebserregend zu sein.

Neben der Gefahr durch die Farben lauert bei einer Tätowierung auch immer ein Infektionsrisiko. Beispielsweise durch unsauberes Arbeiten oder durch schlechte Wundversorgung des Kunden. "Die Nadeln können alles mögliche mit in die Haut bringen", warnt der Experte. Außerdem kann der Bemalte auch eine Allergie gegen Inhaltsstoffe seines Körperkunstwerks haben oder entwickeln.

Tätowierungen entfernen

Und selbst die Seele leidet manchmal. Etwa zwei Prozent der Tattooträger bekommen, laut Bäumlers Onlinebefragung, psychische Probleme aufgrund ihres ewigen Schmuckes. Sie sind mit dem Motiv, der Farbe oder überhaupt mit dem Tragen des Tattoos unglücklich. Oft wollen diese Menschen ihr Tattoo wieder loswerden. Das ist schmerzhaft und oft gar nicht ungefährlich. Meistens wird ein Laser verwendet. Dieser kann die bunten Azopigmente spalten und wieder kanzerogene Amine freisetzen. Für die Entfernung sollte man in jedem Fall einen Arzt aufsuchen.

Das richtige Studio

Wer sich tätowieren lassen möchte, sollte das Studio sorgfältig auswählen. Gute Tätowierer achten penibel auf Hygiene, sie tragen zum Beispiel Einweghandschuhe und verwenden steriles Material. Außerdem benutzen sie nur Farben von hohem Qualitätsstandard, die der Tätowiermittelverordnung von 2009 entsprechen.



Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de; 26.09.2011, aktualisiert am 26.09.2011
Bildnachweis: Thinkstock/Photos.com

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