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Chemie in der Kleidung: Gefahr für den Körper?

Nahezu alle Textilien werden heutzutage chemisch behandelt. Nicht immer sind die Zusätze in T-Shirts, Jeans und Fleecejacke harmlos


Vorsicht, Farbstoffe! Bunte und dunkle Kleidung enthält besonders viel davon

Wie viel Chemie steckt eigentlich in unserer Kleidung? Dieser Frage ging 2009 die schwedische Chemikalienbehörde (KEMI) nach und ließ T-Shirts, Jeans und Arbeitshosen aus Baumwolle sowie Viskose- und Fleecejacken testen.

Das Ergebnis: Die Herstellung eines Kilos Textilien verbraucht mitunter mehr als sechs Kilo Chemikalien. Ein T-Shirt aus Baumwolle bringt es auf eine Chemikalienbilanz vom Doppelten bis Vierfachen des Eigengewichts, während ein Kilo Viskosefasern sogar fünf bis knapp sieben Kilo Chemie erfordert.


So kleiden Sie sich gesund:

  • Verzichten Sie auf Textilien mit dem Hinweis "separat waschen" oder "Farbe blutet aus". Sie enthalten Farbstoffe, die schlecht haften und auf die Haut übergehen.

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  • Waschen Sie Textilien vor dem ersten Tragen mit ausreichend Wasser (kein Wassersparprogramm). Das löst überschüssige Farbe und Chemikalien aus dem Gewebe.

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  • Bügeln Sie in möglichst gut gelüfteten Räumen, da sich durch die Hitze Chemikalien aus der Kleidung lösen können.

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  • Bevorzugen Sie Kleidung, die nicht chemisch gereinigt werden muss. Falls doch, lassen Sie die Kleidung anschließend einen Tag lang auf dem Balkon ausdünsten.

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  • Vertrauen Sie Ihrer Nase! Kaufen Sie keine "chemisch" riechenden Kleidungsstücke, denn diese sind häufig mit Formaldehyd belastet.

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  • Hinweise wie "bügelfrei", "knitterarm", "sanitized" oder "fußpilzhemmend" deuten auf chemische Substanzen hin, die Allergien auslösen können.

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  • Kaufen Sie weniger Kleidung, dafür bessere Qualität. Greifen Sie zu Ware, die mit einem zertifizierten Prüfsiegel oder Ökolabel ausgezeichnet ist.

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Ob beim Anbau der Fasern oder der Garnherstellung, bei der Stoffveredelung oder der Verpackung und dem Transport – auf allen Stufen der textilen Kette werden Laborgemische hinzugefügt. Allein für die Ausrüstung von Stoffen listet der Textilhilfsmittelkatalog an die 7000 unterschiedliche Zubereitungen auf.

Die Chemiecocktails bewirken, dass der Farbton waschecht, das Material kuschelweich, die Form beständig oder der Stoff knitterfrei ist. „Im Grunde sind Bekleidung und Chemie eins“ – so bringt Professor Thomas Platzek vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin die Problematik auf den Punkt. Chemikalienfreie Textilien gebe es nicht – auch wenn viele Verbraucher genau das erwarten.

Manchmal rebelliert die Haut

Für Gesundheit und Umwelt birgt dies Gefahren. Allerdings sagt die Menge der eingesetzten Chemikalien allein noch nichts über die Gefährlichkeit aus. „Von Bedeutung ist, was aus den Textilien auf die Haut übergeht“, sagt Platzek. Werden also beim Tragen Farb- oder Hilfsstoffe freigesetzt, kann dies – je nach Substanz und nach Ausmaß des Kontakts – gesundheitsschädlich sein.

Um das Risiko einzelner Textilchemikalien einschätzen zu können, brauchen Gesundheitsbehörden also aussagekräftige Methoden und Daten zu deren Freisetzungsverhalten. „Da es niemanden gibt, der solche Untersuchungen systematisch vorantreibt, fehlen uns aber genau diese Informationen“, bemängelt Platzek.

So viel steht fest: Bei manchen Menschen rebelliert die Haut beim Kontakt mit chemischen Zusätzen. Sie rötet oder schuppt sich, manchmal entwickeln sich juckende Ausschläge. Deutsche Hautkliniken führen Kontaktallergien in ein bis zwei Prozent aller Fälle auf Textilchemikalien zurück. Besonders problematisch sind manche „Dispersionsfarbstoffe“, die zum Färben von Kunstfasern verwendet werden.

„Hauteng getragene Kleidungsstücke aus Chemiefasern stellen ein besonderes Gefährdungspotenzial dar“, heißt es in einer Stellungnahme des BfR. Das gilt vor allem, wenn die Farbe nicht waschecht ist. Dann „blutet“ sie beim Tragen aus und kann – wie bei den verstärkt in den 90er-Jahren aufgetretenen „Legginsallergien“ – zu Kontaktallergien führen.

Risiken sind oft nicht bekannt

Für die meisten Chemikalien ist aber kaum bekannt, welche Folgen sie mittel- und langfristig haben. Auch darüber, ob sich riskante Wirkungen gegenseitig verstärken, können Toxikologen allenfalls spekulieren.

Eine Wissenslücke, die beunruhigt angesichts gesundheitsbedenklicher Substanzen wie Formaldehyd, Glyoxal, Stilbenen, halogenierter Flammschutzmittel, perfluorierter Polymere oder Organozinnverbindungen, die in Textilien gefunden wurden. Hinzu kommt, dass es innerhalb der Europäischen Union keine Zulassungspflicht für Textilchemikalien gibt.

Damit fehlt die gesetzliche Grundlage, die sicherstellt, dass nur nachgewiesenermaßen unbedenkliche Chemikalien in Textilien gelangen. Es bleibt den Herstellern überlassen, die Sicherheit der Produkte zu gewährleisten. Mittelfristig ist allerdings eine Verbesserung durch die 2007 in Europa in Kraft getretene REACH-Verordnung zu erwarten – eine Art Registrierungspflicht für Chemikalien.

Für einzelne Substanzen wie Azofarbstoffe, die erwiesenermaßen gesundheitsschädlich sind, gibt es schon jetzt europaweite Verbote. Diese garantieren aber nicht, dass die Kleidung tatsächlich giftfrei ist. Denn 90 Prozent unserer Textilien stammen aus Niedriglohnländern, in denen andere Vorschriften und Umweltstandards gelten.

Unlängst ergab eine Analyse im Auftrag von Greenpeace, dass für die Herstellung von Sport- und Freizeittextilien Nonylphenolethoxylate (NPE) verwendet werden. Obwohl ihr Einsatz in Europa verboten ist, waren sie in 52 von 78 getesteten Produkten nachweisbar. Auch hiesige Gesundheitsbehörden und Prüfinstitute untersuchen Textilien auf verbotene Substanzen – allerdings nur stichprobenartig. Dazu Thomas Platzek: „Genauer schauen sie nur hin, wenn etwas auffällig geworden ist oder Probleme und Beschwerden auftauchen.“

Kritischer Blick auf das Etikett

Mit massiven Gesundheitsproblemen hat etwa Christel Brem aus München zu kämpfen. Während ihrer zehnjährigen Tätigkeit im eigenen Trachtenmodengeschäft erkrankte sie so schwer, dass sie mit 42 Jahren auf Dauer berentet wurde. Toxikologische Bluttests ergaben eine hochgradige Belastung mit Pestiziden, die aus den Kleidungsstücken in ihrem Laden austraten.

Auch im Staub des Geschäfts sammelten sich giftige Chemikalien an. Inzwischen befasst sich die Münchnerin seit mehr als 20 Jahren eingehend mit der Thematik und sucht nach Möglichkeiten, wie Verbraucher den Gefahren vorbeugen können.

Dem Gesetzgeber wirft Christel Brem vor, dass Kunden beim Kauf eines Kleidungsstücks nicht in Erfahrung bringen könnten, was an Chemie darin stecke: „Laut Textilkennzeichnungsgesetz müssen auf dem Etikett nur die Anteile der Fasern deklariert werden – zum Beispiel 80 Prozent Wolle und 20 Prozent Polyester.“ Müssten darauf auch noch alle Farb- und Hilfsstoffe stehen, überträfe das Etikett des Herrenhemds wohl dessen Länge.

Dennoch lohnt sich beim Einkauf von Textilien ein kritischer Blick. Zusätzliche Hinweise wie „bügelfrei“, „schmutzabweisend“ oder „formstabil“ deuten etwa darauf hin, dass das Kleidungsstück bei der Herstellung durch ein ganzes Bad an Chemikalien gezogen wurde. Dagegen bieten Prüfsiegel und Ökolabels wie „Öko-Tex Standard 100“ oder „GOTS“ eine Hilfestellung bei der Suche nach schadstoffarmer Kleidung.

Bei Ökotextilien sind etwa Kunstfasern verpönt. Die Hersteller setzen auf reine Naturfasern. Zudem werden Farbstoffe nur eingeschränkt verwendet, und die Veredelung der Stoffe erfolgt auf rein mechanischem Weg ohne Chemikalien. Ökotextilien seien zwar deutlich geringer belastet, doch meist nicht völlig schadstofffrei, resümiert Christel Brem. „Aber sicherlich weitaus gesundheits- und umweltverträglicher als normale Textilien.“



Dr. Luitgard Marschall / Apotheken Umschau; 10.01.2012, aktualisiert am 19.01.2012
Bildnachweis: Thinkstock/Wavebreak Media

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