Das Malheur trifft fast jeden zweiten Mann und verläuft meist nach dem gleichen Muster: Erst dehnen sich die Geheimratsecken aus, dann rutscht der Haaransatz nach oben. Die einst dichte Pracht entwickelt sich zur Glatze – was bleibt, ist ein Kranz am Hinterkopf. Gegen männlichen Haarausfall helfe wohl nur die Kastration, soll der amerianische Glatzenforscher James Hamilton 1942 resig-niert festgestellt haben. Auslöser der sogenannten androgenetischen Alopezie ist nämlich Dihydrotestosteron (DHT) – ein Sexualhormon, das die Haarwurzeln angreift und verkümmern lässt.
Wie empfindlich diese auf den Angreifer reagieren, ist in den Genen festgeschrieben und von Mensch zu Mensch verschieden. Auch schädigt DHT nicht alle Haarfollikel gleich stark: Die Haarwurzeln des „Cäsarenkranzes“ am Hinterkopf sind robust und bilden lebenslang gesunde Haare. Chirurgen nutzen dies bei der Haartransplantation: „Bei dem Eingriff entnehmen wir gesunde, kräftige Wurzeln aus dem dicht bewachsenen Kranz am Hinterkopf und verpflanzen sie an schüttere bis kahle Stellen weiter vorne“, informiert der Düsseldorfer Haarchirurg und Sekretär der Europäischen Gesellschaft für wiederherstellende Haarchirurgie Dr. Frank Neidel.
Hinten entnehmen, vorne einpflanzen
Der große Vorteil der Methode: Die genetisch bedingte Vitalität der „umgetopften“ Haarfollikel bleibt lebenslang erhalten. Das bedeutet, dass auf den vorher kahlen Stellen dauerhaft neue Haare sprießen. Wunder darf man sich jedoch nicht erwarten. Die Haare werden auf dem Kopf nur umverteilt und nicht vermehrt. „Wir können nur so viele Haarwurzeln verpflanzen, wie uns am Hinterkopf zur Verfügung stehen“, erläutert Neidel. Was also nach vorn wandert, fehlt später hinten.
Das eigentliche Problem der Haartransplantation zeigt sich aber erst ein paar Jahre später deutlich. Die Glatzenbildung im Umfeld der neu „aufgeforsteten“ Zonen geht unaufhaltsam weiter. Früher oder später entstehen also neue Kahlflächen, die dann neue Behandlungen erfordern – und somit einen erneuten Zugriff auf das Reservehaar am Hinterkopf. Wer eine Haarverpflanzung erwägt, sollte daher gemeinsam mit einem Haarchirurgen überlegen, wie früh und an welchen Stellen sie durchgeführt werden soll. „Ein seriöses Beratungskonzept stellt sicher, dass das Ergebnis auch dann noch vernünftig aussieht, wenn sich der Haarausfall weiterentwickelt“, sagt Neidel.
Voller Erfolg nach einem Jahr
Um an die Haarwurzeln für die Verpflanzung zu gelangen, verwenden Chirurgen zwei unterschiedliche Techniken. Am gebräuchlichsten ist die Streifenmethode: Der Operateur entnimmt einen Hautstreifen mit Haaren vom Hinterkopf und zerlegt ihn vor dem Verpflanzen in einzelne Haarwurzelgruppen. Für dieses „Skalpieren“ spricht, dass sich sehr viele Wurzeln in wenigen Stunden verpflanzen lassen. Die feine Narbe, die bleibt, ist später kaum noch zu sehen. Bei der FUE-Technik (Follicular Unit Extraction) stanzt der Transplanteur die Haarwurzeln einzeln mit einer Hohlnadel aus. Damit keine Narben entstehen, sollten die Bohrungen genug Abstand voneinander haben.
Für das Entnehmen der Haarfollikel muss daher eine verhältnismäßig große Fläche am Hinterkopf kahl rasiert werden. Das Verfahren ist zeitaufwendiger und teurer als die Streifenmethode und dünnt laut Neidel das Haar am Hinterkopf stark aus. Welche der Techniken sich besser eignet, hängt vom Haarwuchs sowie von den Ansprüchen des Betroffenen ab und muss im Einzelfall entschieden werden.
Führt ein erfahrener Chirurg den Eingriff durch, sind die Risiken gering. Dazu Dr. Matthias Wagner, Leiter der Münchner Klinik für ästhetische Chirurgie und Vorstandsmitglied des Verbands Deutscher Haarchirurgen: „Entzündungen treten selten auf, da die Kopfhaut stark durchblutet ist und sich gut gegen Keime wehrt.“ In seltenen Fällen komme es zu Rötungen der Haut oder Missempfindungen an den operierten Stellen.
Ist die Kopfhaut gesund, wachsen rund 90 Prozent der verpflanzten Haarwurzeln bereits nach wenigen Tagen an, sagt Wagner. Allerdings fallen die mit den Wurzeln verpflanzten Haarschäfte in den folgenden Wochen wieder aus. Doch das ist kein Grund zur Panik: Nach zwei bis drei Monaten kommen neue Haare nach. Anfangs dünn und flusig, werden sie von Monat zu Monat kräftiger und schöner. Der volle Erfolg zeigt sich nach etwa neun Monaten. Eine Haarverpflanzung kommt also nur für Menschen mit Geduld infrage – und für solche mit Geld, denn die gesetzlichen Krankenkassen zahlen den Eingriff nicht. Wer eine schnelle und preiswerte Lösung vorzieht, dem bleibt der Griff zum Toupet.
Medikamente gegen Haarausfall
Ist der Haarausfall noch nicht zu weit fortgeschritten, können Arzneistoffe helfen. Bei der Behandlung gibt es unterschiedliche Ansätze für Männer und Frauen:
Haarausfall bei Männern: Ursache ist eine Überempfindlichkeit der Haarfollikel gegen Dihydrotestosteron – eine biologisch aktive Form von Testosteron. Zwei Wirkstoffe können in begrenztem Maß helfen: Minoxidil regt bei Männern bis 49 Jahre das Wachstum der Flaumbehaarung an; dadurch wirkt das gesamte Haar etwas voller. Finasterid stabilisiert den Haarverlust bei Männern bis 41 Jahre, indem es der Verkleinerung bestehender Haarfollikel entgegenwirkt.
Haarausfall bei Frauen: Bei Frauen kommt es vor allem nach der Menopause zum Haarverlust. Dann sinken die Östrogenspiegel, und es entwickelt sich eine Überempfindlichkeit gegen Vorstufen für Androgene. Den Verlust verlangsamen können Minoxidil (wirkt bei Männern und Frauen) und Haartinkturen mit 17-alpha-Östradiol oder anderen hormonellen Wirkstoffen, die der Hautarzt als Rezeptur verordnet. Manche dieser Wirkstoffe sind auch in Anti-Baby-Pillen enthalten.
Dr. Luitgard Marschall / Apotheken Umschau;
20.12.2011
Bildnachweis: A1PIX/Phanie
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