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Hydrozephalus – Gehirn unter Druck

Die Krankheit wird bei älteren Menschen häufig übersehen. Das kann unkorrigierbare Folgen haben


Eine Operation kann bei Altershirndruck helfen: Dabei setzt der Arzt ein Ventil ein, das den Druck ableitet. Um die komplette Grafik zu sehen, bitte auf die Lupe oben links im Bild klicken!

Es schien anfangs die übliche, traurige Geschichte zu sein: Jahrzehntelang hatte der Pfarrer seine Gemeinde betreut, doch nun, mit über 70 Jahren, schaffte er es nicht mehr. Der Geistliche vergaß seine Predigttexte, war nicht mehr gut zu Fuß und bekam Schwierigkeiten, die Blase zu kontrollieren. "Er wird alt, dement, es geht nicht mehr", dachten alle. So schildert Professor Andreas Kupsch die Situation des Kirchenmannes, der bei ihm in der Ambulanz für Bewegungsstörungen an der Berliner Charité vorstellig wurde.

Glücklicherweise suchte der Pfarrer den Rat des Experten. Dieser erkannte rechtzeitig das eigentliche Problem: Die Hirnkammern standen unter Druck. Das darin enthaltende Nervenwasser – der Liquor – floss nicht mehr richtig ab. Ein kleiner Stich in das Liquorsystem reichte aus, um den Druck abzubauen. Prompt war der Pfarrer wieder fit und für seine Schäfchen da.


Altershirndruck – Mediziner sprechen von Normaldruck-Hydrozephalus – kommt nicht selten vor. Manche Experten glauben, dass einer von 200 Menschen über 65 Jahren davon betroffen ist, also etwa 80.000 in Deutschland. Genaue Zahlen gibt es nicht. "Das liegt vor allem daran, dass das Leiden häufig übersehen wird", beklagt Andreas Kupsch. Verdacht schöpfen sollte man vor allem, wenn folgende drei Symptome zusammentreffen: Nachlassen der Denkfähigkeit (Demenz), Inkontinenz und ein breitbasiger, schlurfender Gang.

"Die Symptome werden leicht einer Alzheimer- oder Parkinson-Erkrankung zugeschrieben und dann nicht angemessen behandelt", bemängelt Kupsch. Die Folgen sind fatal: Besteht der Hirndruck über Monate fort, sind die Störungen irgendwann nicht mehr rückgängig zu machen.

Das ist umso tragischer, als sich der Normaldruck-Hydrozephalus – rechtzeitig erkannt – leicht und erfolgreich behandeln lässt. Eine unmittelbare Linderung der Beschwerden tritt schon ein, wenn der Arzt eine Lumbalpunktion durchführt und ein wenig Nervenwasser aus dem Wirbelkanal abnimmt. Die Punktion senkt den Hirndruck, da die Liquorräume des Gehirns und des Rückenmarks miteinander in Verbindung stehen.

Nur die Operation hilft dauerhaft

Allerdings hält die Wirkung nur eine begrenzte Zeit an, weil sich der Überdruck erneut aufbaut. "Man muss die Punktion alle paar Wochen wiederholen. Manche Patienten bevorzugen diese Methode trotzdem", sagt Kupsch. Eine dauerhafte Lösung des Problems erfordert eine Operation. Hierbei setzt der Neurochirurg in das Hirnkammersystem ein Ventil ein, das überschüssiges Nervenwasser in die obere Hohlvene oder in den Bauchraum leitet (siehe Grafik), wo es vom Bauchfell aufgenommen wird.

Wie es zu der Störung kommt, ist nicht genau bekannt. "Wahrscheinlich ist die Wiederaufnahme des zirkulierenden Nervenwassers in das Gefäßsystem beeinträchtigt", erläutert Kupsch. Bei anderen Formen des Hydrozephalus dagegen – früher Wasserkopf genannt – liegen dem Problem gewöhnlich Tumore oder Fehlbildungen zugrunde, die den Abfluss des Nervenwassers behindern. Diese Krankheit tritt daher auch schon in jungen Jahren auf und kann dramatisch verlaufen. Denn der Hirndruck steigt hierbei oft stark an, sodass es zu akuten Anzeichen kommt, beispielsweise Bewusstseinsstörungen.

Der Altershirndruck verläuft unauffälliger. Oft besteht die Druckerhöhung nur zeitweise – daher auch der irreführende Name "Normaldruck-Hydrozephalus". Doch ein normaler Druck im Hirnkammersystem herrscht dabei keineswegs. Er ist hoch genug, um Nervenzellen zu schädigen.

"Man sollte immer an Hirndruck denken, wenn einschlägige Symptome vorliegen", rät Professorin Claudia Trenkwalder, Chefärztin der Paracelsus-Klinik in Kassel. Doch selbst Mediziner würden die Zeichen übersehen oder falsch einordnen, kritisiert die Spezialistin für neurologische Bewegungsstörungen. Klinisch ist das Krankheitsbild tatsächlich nicht immer leicht einzuordnen, zumal die charakteristische Dreierkonstellation der Symptome unvollständig sein kann.

Schnelle Diagnose möglich

Doch mit den richtigen Diagnose-Techniken kann der Experte den Normaldruck-Hydrozephalus leicht von einer Parkinson- oder Alzheimer-Erkrankung abgrenzen. Eine Computer- oder Kernspintomografie zeigt typische Veränderungen in den Hirnkammern. Ein erfolgreicher Therapieversuch ist ebenfalls aussagekräftig: Kann der Patient nach einer Lumbalpunktion wieder gehen, das Wasser halten und bessert sich sein Geisteszustand, hat es am Hirndruck gelegen.

"Es ist wichtig, die Störung abzuklären, um den Patienten eine mögliche Therapie nicht vorzuenthalten", betont Claudia Trenkwalder. Bei der Ventilversorgung besteht allerdings die Gefahr von Komplikationen. So können Infektionen oder Blutungen auftreten. Doch bei fachgerechter Nachsorge lässt sich der Hirndruck damit über Jahre hinweg gut einstellen.



Klick ins Lexikon:

Dr. Christian Guht / www.apotheken-umschau.de; 05.05.2010, aktualisiert am 25.06.2010
Bildnachweis: W&B/Jörg Neisel

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