Jetzt ist sie wieder da, die Zeit, in der Menschen über Wasser gehen können – vorausgesetzt, der Frost hat es in eine tragende Eisfläche verwandelt. Schon tummeln sich auf den Seen erste Schlittschuhläufer, Eishockeyspieler und Spaziergänger. Doch kann man dem Winteridyll trauen?
„Sicher können Sie sein, wenn die Behörden das Eis freigeben“, sagt Jürgen Bichlmaier von der Berufsfeuerwehr München. „Besonders aufpassen muss man, wenn nur Teile des Gewässers zugefroren sind.“ Gefährlich sind Flussmündungen, verschilfte Ufer und schneebedeckte Flächen. „Einsame Gewässer sollte man nie allein aufsuchen. Am besten hat jeder ein Handy dabei.“
„Manche nehmen Nägel mit, mit denen sie sich im Fall des Einbrechens am Eisrand einkrallen und hochziehen können“, erzählt Dr. Christian Pawlak, Vorsitzender des Arbeitskreises Notarzt- und Rettungswesen der Universität München. Das gibt jedoch keine echte Sicherheit.
Sich selbst aus dem Eis zu retten gelingt selten. Zu schwer zieht die nasse Kleidung nach unten, zu leicht bricht das Eis am Lochrand weg. Ein Verunglückter sollte um Hilfe rufen und die Arme auf den Eisrand legen. „Nach einem kurzen Selbstrettungsversuch ist es ratsam, sich wenig zu bewegen. Bewegung im eisigen Wasser kann zum plötzlichen Herztod führen. Der Kreislauf verteilt das kalte Blut Richtung Herz. Schwere Rhythmusstörungen können die Folge sein“, erläutert Pawlak.
Wer einen Eingebrochenen sieht, sollte sofort unter 112 oder einer örtlichen Notrufnummer die Rettung alarmieren. Rettungsstangen oder -ringe befinden sich an vielen Ufern. Dem Verunglückten nähert sich ein Retter am besten, indem er sich auf dem Bauch liegend vorsichtig zu ihm vorschiebt. So verteilt sich das Gewicht auf eine größere Eisfläche. Sicherer ist es, sich zusätzlich anzuleinen oder lange Gegenstände, die schwimmen, zu benutzen. Eine Leiter, ein langer, dicker Stock, ein zugeworfenes Seil oder ein Schal können dem Opfer Halt geben.
Gelingt es dem Helfer, den Verunglückten zu befreien, sollte er ihn von dem Loch im Eis wegbringen und Erste Hilfe leisten – in dem Fall vor allem aufwärmen. „Aber nicht mit Alkohol“, stellt Pawlak klar, „sondern indem man ihn von nassen Sachen befreit und in warme Decken wickelt. Wichtig ist, dass der Gerettete so wenig wie möglich bewegt wird“. Atmet ein Bewusstloser noch normal, sollte er in die stabile Seitenlage gebracht und beobachtet werden. Fehlt die Atmung, muss der Bewusstlose so lange mit Herz-Lungen-Massage und Atemspende wiederbelebt werden, bis professionelle Helfer eintreffen. „Ausdauer ist besonders wichtig“, erklärt Notarzt Pawlak, „denn niedrige Temperaturen steigern die Überlebenschancen.“ Bei Kälte kommt der Körper länger mit wenig Sauerstoff aus als im Warmen.
Bei allen Rettungsversuchen gilt: „Eigensicherung hat Vorrang“, betont Pawlak. Im Zweifel sollte man sich darauf beschränken, Rettung herbeizurufen und das Opfer zu beruhigen. „Wir von der Feuerwehr haben ganz andere Mittel als ein Laie“, sagt Bichlmaier. „Der Eisretter, ein Gerät auf Kufen, das schwimmt, gibt uns Sicherheit. Und wenn alle Versuche scheitern, befreien wir den Verunglückten mit Hubschrauber und Seilwinde aus seiner bedrohlichen Lage.“
Annemarie Schwarz / Apotheken Umschau; 18.01.2010, aktualisiert am 20.12.2011
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