Auch wenn die Nahrungspassage im Rachen oder „Schlund“denkbar schnell vonstatten geht – sie dauert gerade einmal eine Sekunde – ist sie in vieler Hinsicht störanfällig: nicht nur im Hinblick auf das Zusammenspiel von Muskeln und Nerven, um die es im vorhergehenden Kapitel ging, sondern auch rein mechanisch. Nachfolgend dazu einige Beispiele.
Wenn die Schleimhaut im „Schluckbereich“ sich entzündet und stark anschwillt, kann sich das (vorübergehend) wie ein mechanisches Hindernis auswirken und Schluckbeschwerden bis hin zur Dysphagie verursachen. Als Auslöser kommen zum Beispiel Viren vom Typ Herpes-simplex, Varicella-Zoster und Zytomegalie infrage. Auch Pilze können manchmal den oberen Schlucktrakt befallen und das Schlucken (schmerzhaft) beeinträchtigen (Odynophagie). Ein solcher Soor, wie die Infektion fachsprachlich heißt, kann auf eine Immunschwäche hinweisen, etwa im Rahmen einer HIV-/-Aids-Infektion. Gleichzeitig kann, muss aber nicht ein Mundsoor mit weißlichen, nicht abwischbaren Belägen auf der Mundschleimhaut vorhanden sein. Die Entzündung kann sich auch bis in die Speiseröhre ausbreiten. Dann ist ebenfalls eine Dysphagie möglich (mehr dazu im Kapitel „Speiseröhre“).
Eine eitrige Mandelentzündung (Angina tonsillaris) wird vor allem durch Keime wie Streptokokken A, Staphylokokken oder auch Hämophilus influenzae ausgelöst. Als seltene Komplikation kann es zur eitrigen Gewebeeinschmelzung kommen. Fachsprachlich handelt es sich dann um einen Peritonsillarabszess (siehe auch unter Halsschmerzen, Kapitel „Komplikationen“). Er befindet sich in der Regel in der Kapsel, welche die Mandel umgibt. Oft ist aber nicht nur die betroffene Mandel selbst, sondern auch die Umgebung geschwollen.
Diagnose: Der HNO-Arzt tastet den Hals ab, untersucht den Rachen mit dem Spiegel und schickt eine Blutprobe ins Labor. Eine Computertomografie ist nötig, wenn der Verdacht besteht, dass der Abszess sich weiter ausgedehnt hat.
Symptome: Starke einseitige Schluckbehinderung (Dysphagie auf der betroffenen Seite), möglicherweise auch eine Kieferklemme (der Mund kann dann nicht mehr geöffnet werden), Atemnot, Fieber, das nach dem ersten Abklingen im Verlauf der Behandlung der Mandelentzündung wieder aufflammt. Am Kieferwinkel vorne seitlich am Hals sind die Lymphknoten geschwollen.
Therapie: Der Abszess wird gespalten und die vereiterte Mandel entfernt. (Tonsillektomie). Zugleich werden Antibiotioka gegeben.
Selten wirken Divertikel (Ausstülpungen) im Rachen als mechanische Schluckbremse. Es liegen hier entweder angeborene Fehlbildungen zugrunde oder ein sogenanntes Zenker-Divertikel (siehe Kapitel „Speiseröhre“)
Manchmal behindern Krebserkrankungen der Mandeln (Tonsillen-Karzinome), Tumoren im unteren Rachenbereich (Hypopharynx-Karzinome) und der Kehlkopfkrebs das Schlucken. Letzterer ist der häufigste Tumor diesem Bereich, während die beiden anderen eher selten vorkommen. Bei allen drei Krebserkrankungen spielen dieselben Risikofaktoren, nämlich Überkonsum von Alkohol und Tabak, eine große Rolle. Es erkranken jeweils mehr Männer als Frauen. Die Tumore gehen überwiegend von den Schleimhautzellen aus.
Erscheint zum Beispiel eine Mandel „verdächtig“, überprüft der Arzt anhand einer Gewebeprobe, ob sie lediglich entzündet und dadurch vergrößert ist (Hyperplasie) oder ob sich eventuell eine Geschwulst gebildet hat. Im Frühstadium sind die Überlebenschancen hier recht gut.
Symptome: Unerklärliche Halsschmerzen mit Ausstrahlung ins Ohr könnten zum Beispiel auf eine Geschwulsterkrankung im Bereich der Mandeln oder unterhalb davon, im unteren Rachen (Hypopharynx), hinweisen. Man sollte so etwas nie auf sich beruhen, sondern vom Arzt untersuchen lassen. Das gilt umso mehr für eine Dysphagie und eine kloßige Sprache. Auch bei ungewohntem Mundgeruch sollte ein Arzt nach der Ursache schauen, ebenso bei einem Knoten (Lymphknoten) im Kieferwinkel am Hals – alles dies können selten auch einmal mögliche Symptome eines Tonsillen-Karzinoms sein.
Krebs im unteren Bereich des Rachens macht ähnliche Beschwerden, meistens aber in einer späteren Phase. Wenn der Tumor sich der Stimmbandebene im Kehlkopf nähert, tritt Heiserkeit auf, eventuell auch Atemnot.
Kehlkopfkrebs (Larynx-Karzinom) ist der häufigste Tumor im Hals-Bereich. Als Risikofaktoren spielen außer dem schon genannten Tabak und Alkohol auch Belastungen mit Schadstoffen aus Arbeitsprozessen eine Rolle. Dieses spezielle Risiko konnte durch entsprechende Arbeitsschutzmaßnahmen deutlich gesenkt werden. Nach wie vor erkranken auch an diesem Krebs Männer deutlich häufiger als Frauen. Im Durchschnitt sind sie um die Mitte sechzig, wenn die Diagnose gestellt wird.
Symptome: Im frühen Stadium fehlen Beschwerden oft. Auffällig sind bei Bezug des Tumors zu den Stimmbändern Veränderungen wie neu aufgetretene Heiserkeit und ein Fremdkörpergefühl im Hals. Schluckbeschwerden und Schluckbehinderung (Dysphagie) sind möglich, wenn der Tumor in den Rachenbereich vordringt. Hals- und Ohrenschmerzen sind weitere verdächtige, aber natürlich vieldeutige Anzeichen. Im fortgeschrittenen Stadium beziehungsweise wenn der Tumor unterhalb der Stimmbandebene sitzt, können auch blutiger Auswurf und Husten beobachtet werden; die Atmung kann behindert sein.
Wichtig: Bei Heiserkeit, die keine Erklärung findet und nicht nach drei Wochen wieder vergeht, sollte immer ein HNO-Arzt den Hals untersuchen. Zu den Untersuchungsverfahren siehe Kapitel „Diagnose“. Stichworte hier: Kehlkopfspiegelung, Untersuchung der Stimmlippen, Mikrolaryngoskopie, eventuell Gewebeproben und Computertomografie.
Therapie: Tumoren im Gaumen-, Rachen- und Kehlkopfbereich werden nach Möglichkeit operiert. Auch eine Strahlentherapie oder kombinierte Strahlen- und Chemotherapien sowie Laserverfahren gehören hier zu den Behandlungswegen.
Knochensporne (Osteophyten) an der Halswirbelsäule (HWS) werden gelegentlich als Ursache für Schluckbeschwerden, seltener mechanische Schluckbehinderung (Dysphagie), ausgemacht. Für solche Spornbildungen gibt es zahlreiche Ursachen. Am häufigsten liegt Verschleiß vor. Die damit verbundenen Beschwerden sind vielfältig.
Wenn zum Beispiel benachbarte Nerven, die auf der entsprechenden Ebene das Rückenmark verlassen, gereizt werden, kommt es auf der betroffenen Seite im Hals-, Schulter- und Armbereich zu Kribbeln, Schmerzen und Muskelschwäche. Dafür wurde unter anderem der etwas schwammige Begriff des „HWS-Syndroms“ geprägt. Es umfasst oft noch weitere Beschwerden, die aber über das Thema dieses Beitrags hinausgehen.
Das Eagle-Syndrom beruht auf einem zu langen Zungenbeinknochen oder einem verlängerten Griffelfortsatz. Das ist ein Knochenstift, der am unteren Schläfenbein sitzt, innen vor dem tastbaren Knochenvorsprung am Ohr. Manchmal lässt sich das Syndrom auch auf verhärtetes Gewebe, zum Beispiel ein verkalktes Band in der Umgebung des Zungenbeins zurückzuführen.
Symptome sind einseitige Schmerzen im Gesichts-, Hals- und Kieferbereich, eventuell kommen Schluckbehinderungen dazu.
Die Diagnose stellt im Hinblick auf den HWS-Bereich der Orthopäde. Wird ein Eagle-Syndrom vermutet, ist der HNO-Arzt gefragt. Eventuell wird auch ein Neurologe beziehungsweise Schmerzspezialist hinzugezogen. Die Behandlung hängt von der genauen Ursache im Einzelnen ab. Ein Eingriff ist nur selten erforderlich.
Dr. med. Claudia Osthoff / www.apotheken-umschau.de;
19.07.2010, aktualisiert am 15.05.2012
Bildnachweis: W&B/Jörg Neisel
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