Die Welle rollt heran und ebbt wieder ab. Mehrmals pro Minute durchfließt sie den ganzen Körper. Ausgelöst wird sie durch das Pulsieren einer Flüssigkeit, die zwischen Schädel (Cranium) und Kreuzbein (Os sacrum) strömt, des Liquor cerebrospinalis. Kraniosakral-Therapeuten erspüren diesen Pulsschlag und die Druckwelle, die er im Bindegewebe des ganzen Körpers hervorrufen soll. „Dieser Rhythmus ist wie ein Fingerabdruck und bei keinem Menschen gleich“, erklärt Christiane Ottmann vom Verbandder Kraniosakral-Therapeuten. An Kopf, Bauch oder Füßen des Patienten erspüren die Behandler mit ihren Fingern diesen Rhythmus.
Sie tasten vor allem am Bindegewebe, in dem – so die Auffassung der Kraniosakral-Therapeuten – Informationen über Verletzungen, Unfälle oder andere Traumata gespeichert sind. Die Rede ist auch vom „Gewebe-Gedächtnis“. Dort bewahrte negative Erfahrungen können den Fluss des Liquors stören und zu Beschwerden wie Kopf- oder Rückenschmerzen führen. Diese Blockaden, auch „Energie-Zysten“ genannt, ertasten die Therapeuten mit ihren Fingern. „An einer solchen Stelle ist das Gewebe deformiert“, erklärt Christiane Ottmann, Heilpraktikerin und Apothekerin in Haar bei München. Mit ihren Händen spürt sie übermäßig warme oder kalte Körperpartien auf und versucht dort, dem Gewebe in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuhelfen. Auch über den sanften Druck der Finger (maximal sechs Gramm) würden sich Blockaden lösen, der Liquor könne dann wieder harmonisch fließen.
Üblicherweise arbeiten Behandler am Kopf, legen dort die Hände auf, spüren den Puls des Liquors und wie sich die Schädelknochen gegeneinanderbewegen. Diese seien nämlich keineswegs unbeweglich oder verknöchert, sagen Kraniosakral-Therapeuten. Vielmehr würden sich die Schädelplatten dynamisch in einem bestimmten Rhythmus bewegen, der weder dem des Herzschlags noch dem der Atmung entspricht. Die Theorie dazu stammt von dem amerikanischen Arzt und Osteopathen William Garner Sutherland (1873 bis 1954), der Anfang des 20. Jahrhunderts die kraniale Osteopathie beschrieb. Der US-Chirurg John E. Upledger entwickelte daraus schließlich die kraniosakrale Therapie.
Mittlerweile hat sich diese in verschiedene Ansätze und Schulen aufgespalten, die sich in den Grundlagen jedoch gleichen. Manche Behandler arbeiten fast ausschließlich am Kopf, andere spüren den Puls des Liquors auch am Zwerchfell oder an den Füßen. Bei der Behandlung vertraut jeder Therapeut seiner eigenen Wahrnehmung. Letztlich werde in der Ausbildung die Intuition geschult, die subtilen Veränderungen und das Pulsieren der Rückenmarksflüssigkeit zu spüren, sagt Ottmann. „Je nachdem, wo der Therapeut den Puls am besten wahrnimmt, lernt er, sich dort in den Körper einzufühlen und an die Informationen zu gelangen.“
Eingesetzt wird diese manuelle Methode der Komplementärmedizin bei Stress, psychosomatischen Erkrankungen, Muskelverspannungen, Rücken- und Kopfschmerzen. Die Kraniosakral-Therapie eignet sich zudem zur Linderung von Schwangerschaftsbeschwerden und wird auch bei Schreibabys angewandt. „Dabei ist das Ziel immer das gleiche“, erklärt Christiane Ottmann, „nämlich Informationen, die nicht in den Körper gehören, dort wegzubekommen.“ Bei einem Säugling wäre eine solche falsche Information beispielsweise das durch die Geburt erlebte Trauma.
Auch wenn mittlerweile viele Physiotherapeuten und Osteopathen die Kraniosakral-Therapie anwenden – ihre Kritiker bleiben skeptisch. Die Existenz eines Liquor-Pulses und die Beweglichkeit der Schädelknochen erscheinen in der europäischen Medizin nicht nachvollziehbar. Tatsächlich ist es noch in keiner Studie gelungen, die Wirksamkeit der Therapie oder den für die Behandlung so zentralen Rhythmus nachzuweisen. Eine Untersuchung in Wien ergab dagegen: „Die Therapeuten spürten ihren eigenen Rhythmus und übertrugen wohl ihre Erwartung, ihr Bild von diesem Rhythmus auf den Patienten“, sagt Dr. Wolfgang von Heymann, Orthopäde in Bremen und Präsident der Internationalen Ärzteföderation für Manuelle Medizin.
Doch warum fühlen sich viele Menschen nach einer Kraniosakral-Behandlung besser und berichten, Schmerzen und Verspannungen seien verschwunden? Für von Heymann wirkt hier eine „Mischung aus Suggestion und Empathie“, die Erfolgsquote sei ähnlich wie beim Placeboeffekt. Bereits das Händeauflegen am Kopf vermittle den Patienten ein positives Gefühl. Nicht nur das: Mit seinen zehn Fingern berührt der Therapeut jeweils eins von zehn Nervenfeldern am Schädel und beruhigt diese, zum Beispiel bei Kopfschmerzen. „Allein die Berührung der Haut bewirkt hier eine Veränderung im Nervensystem, und die körpereigene Hemmung von Schmerzwahrnehmung wird aktiviert“, erklärt von Heymann. Diese Vorgänge konnten am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München belegt werden.
Wenn es keine wesentliche strukturelle Schädigung gebe, etwa einen Bandscheibenvorfall, helfe schon die Berührung der richtigen Stellen am Kopf, wie es Kraniosakral-Therapeuten tun, sagt von Heymann. Er hält diese Methode für durchaus zulässig: „Das Problem des chronischen Schmerzes ist noch lange nicht gelöst. Natürlich kann man verschiedene Ansätze ausprobieren, um ihn zu bekämpfen.“
Der Fluss des Liquors
Gehirn und Rückenmark sind in eine Flüssigkeit eingebettet, den Liquor cerebrospinalis (blau dargestellt). Dieser erzeugt nach der Auffassung von Kraniosakral-Therapeuten zwischen Schädel (Cranium) und Kreuzbein (Os sacrum) einen fühlbaren Pulsschlag, der sich als leichte Druckwelle über den ganzen Körper ausbreitet. An diesem Puls versuchen Therapeuten Blockaden zu erkennen.
Nadja Katzenberger / Apotheken Umschau;
02.07.2010
Bildnachweis: W&B/Ulrike Möhle, Jump Fotoagentur/Kristiane Vey
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