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Anthroposophische Medizin: Heilen mit allen Sinnen

Sie erweitert die Schulmedizin und bezieht Seele und Geist mit in die Behandlung ein. Außerdem verlangt die anthroposophische Medizin vom Patienten mehr Eigenverantwortung


Heileurhythmie: Patienten bei ihren morgendlichen Übungen im Park

Noch ist die Morgenluft kühl und frisch, das feuchte Gras duftet. In den Bäumen lärmen Vögel, während die Patienten auf der Grünfläche des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe in Berlin den Bewegungen von Heileurhythmist Hartmut Stickdorn folgen und seine Worte im Inneren mitsprechen.

Alle gehen ein paar Schritte vorwärts, strecken dabei ihre Arme nach vorn, um sie langsam seitwärts zu heben. Dazu sagt Stickdorn: „Ich öffne mich der Welt.“ Dann hält jeder einen Moment inne und spürt dem Gesprochenen nach. Beim Rückwärtsgehen und dem Satz „Ich komme zu mir selbst“ schließen die Patienten die Arme mit den Händen vor der Brust.



Maltherapie: Therapeutin Ute Holtkamp (links) betrachtet mit einer Patientin deren Bild

Mehrmals wiederholen alle in der Gruppe diese gleitenden Bewegungen mit den bekräftigenden Sätzen, bis sie beides verinnerlicht haben. Erst dann folgt die nächste Übung. Es gilt, den Buchstaben A darzustellen, indem die Patienten mit den Beinen fest im Gras stehen und die Arme in den Himmel recken. „Das A steht für Lebensfreude und Kraft, aber auch für Staunen und Bewunderung“, erläutert der Experte.

Diese konzentrierten Bewegungen mit Sprache sollen in die Seele des Menschen führen und dort wirken. „Mit diesen speziellen Haltungen rücke ich ein bisschen weg von meinen chronischen Muskelschmerzen und kann sie besser ertragen“, erläutert die Patientin Sabine H.

Unbewusst Bewegung zulassen

In der Berliner Klinik werden Menschen mit ganz unterschiedlichen Erkrankungen – etwa chronischem Schmerz, Krebs, Depression, chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) oder Burn-out-Syndrom – zusätzlich zur klassischen Schulmedizin anthroposophisch behandelt, etwa mit Heileurhythmie. „Das Wort Eurhythmie stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie schöne, rhythmisch-lebendige Bewegung“, erklärt Stickdorn.

Je nach Diagnose gibt es unterschiedliche Ansätze. Bei dem Schmerzpatienten Jochen kam manchmal ein Ball ins Spiel: „Aus dem Reflex heraus, ihn zu fangen, machte ich unbewusst Bewegungen, die ich sonst vermieden hätte. Diese Therapie forderte mich, half mir und blieb gleichzeitig spielerisch.“

Auch Dr. Christian Grah, Leiter des Pneumologischen Schwerpunkts und des Lungenkrebszentrums, räumt der Heileurhythmie einen wichtigen Platz ein: „Diese Form der Selbstregulation ermöglicht es, sich in den Bewegungen selbst wieder zu fühlen. Das gelingt ebenso in der Musik- und Maltherapie wie bei der Arbeit mit Ton.“

Damit diese Therapie wirkt, sollen die Patienten regelmäßig alleine weiterüben. Das ist ein wichtiger Aspekt der anthroposophischen Medizin, denn es geht beim Gesundwerden auch immer darum, Menschen zu befähigen, eigenverantwortlich zu handeln, damit sie ihre Selbstheilungskräfte anregen. Der Patient gilt als Partner des Arztes und unterstützt seinen Genesungsprozess aktiv. Jochen aus Berlin erzählt: „Ich fühlte mich sofort aufgehoben, wahrgenommen und respektiert.“

Dem Schmerz auf der Spur


Als der 47-Jährige in das Krankenhaus kam, quälten ihn bereits seit mehr als zehn Jahren Schmerzen, denen er sich hilflos ausgeliefert fühlte. Mal tauchten sie verstärkt an der Wirbelsäule auf, dann an den Muskeln und Sehnen; er litt an einem Reizdarmsyndrom und unter heftigem Kopfweh. Weil er sich zurückzog, verschlimmerten sich die Beschwerden. Schließlich kam noch eine Depression hinzu.

„Wir versuchen immer herauszufinden, wie ist der Mensch gestimmt, wie geht es ihm seelisch? Wir schauen genau, welche Probleme auf der organischen Seite bestehen. Denn der Mensch ist ein äußerst komplexes Wesen“, sagt Dr. Michael Schenk, Leiter des Schmerzzentrums an der Klinik Havelhöhe. „Wir fragen stets: Wie kann eine seelische Kränkung auch physisch krank machen und umgekehrt?“, fügt sein Kollege Christian Grah hinzu. Der aus dem Lot geratene Mensch soll wieder ins Gleichgewicht kommen.

Lockerer Atem – weite Lunge

So erhält beispielsweise ein COPD-Patient alle notwendigen Medikamente wie Spray, Sauerstoff, eventuell PDE-4-Hemmer, Kortison und Antibiotika. Zusätzlich setzen die Ärzte pflanzliche Mittel ein wie Eukalyptus – sie sollen die Abwehrkräfte unterstützen. Inhalationen mit den Bitterstoffen des Enzians können die Atmung erleichtern.

Aber immer spielt auch die anthroposophische Sichtweise eine wichtige Rolle. Experte Grah sagt: „Das Schwingen des Atems hat auch etwas mit dem Schwingen der Seele zu tun.“ Ein COPD-Patient kann jedoch nicht mehr richtig ausatmen, und es besteht eine Enge in der Lunge. Dem Zwerchfell fehlt der Schwung, und es wird deshalb schlechter durchblutet.

Lungenärzte wissen zudem: Je häufiger ein Patient einen entzündlichen Schub erleidet, desto schneller geht seine Lunge zugrunde. Rhythmische Massagen und warme Wickel lockern Muskeln wie das Zwerchfell und fördern die Durchblutung. Aufgrund der Massagen nimmt der Patient seinen Körper besser wahr. Heileurhythmie und Atemtherapie gehören ebenso zum Behandlungsplan wie die Psycho- oder Maltherapie und das Modellieren. Denn rund die Hälfte aller COPD-Patienten entwickelt aufgrund ihrer Krankheit eine Depression oder Angststörung.

Die Sinne ansprechen


Die Arbeit mit Farbe und Ton spricht direkt die Sinne an. „Wenn ich etwas mit meinen Händen forme, bilde ich innere Strukturen äußerlich ab und zeige völlig unbewusst, was in mir steckt. Ich erlebe in mir Gesetzmäßigkeiten und hinterlasse meine Spuren“, erläutert Therapeut Peter Bläsi. Das gilt für den COPD-Patienten ebenso wie für Menschen mit Burn-out oder einer Krebserkrankung.

Auch bei Jochen war die Behandlung breit gefächert: „Extrakte aus Farnen und Weiden halfen etwa gegen mein Reizdarmsyndrom. Mit Psychotherapie, Heileurhythmie, Physio-, Atem- und Maltherapie lernte ich mich neu zu motivieren und auch abzulenken.“

Schmerztherapeut Schenk betont, dass die herkömmlichen Medikamente in der Therapie sehr gut wirken: „Ich schwöre auf die Kombination aus Schul- und anthroposophischer Medizin.“ Und weiter: „Manche Patienten merken erst nach Jahren, wenn sie in die Klinik kommen, dass sie nicht wertlos sind.“ Durch den schöpferischen Prozess zum Beispiel beim Modellieren spüren sie, dass sie etwas bewirken können. Das lässt sich auf den Alltag übertragen.

Auf einer ganz praktischen Ebene prüfen Therapeut und Patient, was im täglichen Leben geändert werden muss, damit die Schmerzen wegbleiben. Manchmal genügt es, bereits während der Arbeit vor dem Computer öfter aufzustehen. Besprochen wird auch, was Spaß macht und somit nach dem Klinikaufenthalt heilsam wirken kann. Vielleicht Meditation oder doch eher Segeln auf dem Wannsee?

Schenk bestätigt: „Wer nicht lernt, auf sich aufzupassen, fällt wieder in das Loch und entwickelt Schmerzen oder eine Depression.“ Jochen erzählt: „Weil die Natur mir Kraft gibt, laufe ich oft hinunter zur Havel. Wenn ich aus der Klinik zurück nach Hause gehe, nehme ich viel Lebensmut mit.“



Arbeit mit Ton: Eine Patientin unterhält sich beim Modellieren mit dem Kunsttherapeuten Peter Bläsi

Geschichte der anthroposophischen Medizin

Die anthroposophische Medizin (vom griechischen „anthropos“ = der Mensch und „sophia“ = die Weisheit) geht auf Rudolf Steiner (1861 bis 1925) zurück. Er war ein Kind österreichischer Eltern, studierte Natur- und Geisteswissenschaften in Wien und Rostock. Bis heute beeinflusst sein Gedankengut in Deutschland etwa die Waldorfpädagogik, die biologisch-dynamische Landwirtschaft und die Medizin.

Nach dem Ersten Weltkrieg wollte Steiner mit Ärzten die klassische Schulmedizin um komplementäre Therapien erweitern. Als Mitbegründerin dieser Heilkunst gilt die Ärztin Ita Wegman (1876 bis 1943). Begriffe wie Körper, Leben, Seele und Geist spielen bei der Behandlung eine Rolle. Die anthroposophische Medizin versucht, den Menschen in seiner Gesamtheit zu therapieren.



Christine Wolfrum, Apotheken Umschau; 12.09.2011
Bildnachweis: W&B/Michael Hughes

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