Am Anfang war es nur eine Flasche Bier am Abend – zur Entspannung. Als der Stress in der Arbeit größer wurde, wurden es drei oder vier, später kamen auch härtere Getränke dazu. Mittlerweile stapeln sich am Ende des Tages die Flaschen in der Spüle. "Der Weg zur Alkoholabhängigkeit ist ein schleichender Prozess", sagt Dr. Volker Weissinger, Diplom-Pädagoge aus Bonn und Geschäftsführer des Fachverbandes Sucht e.V. Betroffene verlieren immer mehr die Kontrolle über ihr Trinkverhalten, verharmlosen es zugleich und wollen es häufig nicht wahrhaben, abhängig geworden zu sein.
"Erkennen Sie als Partner oder Angehöriger die Signale und trauen Sie Ihrer Wahrnehmung. Denn das Verleugnen und Verharmlosen gehört zum Krankheitsbild der Sucht", betont Weissinger. Unterstützen Sie diese nicht, etwa indem Sie nach außen – auch gegenüber vertrauten Personen – so tun, als wäre nichts oder indem Sie beim Arbeitgeber anrufen und den Betroffenen als krank entschuldigen.
Viele Angehörige machen sich selbst Vorwürfe und meinen, es liege an ihnen den Partner "zu retten". Oder sie schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung, und vertrauen nur zu gerne auf die Versprechen des nahestehenden Menschen, alles wieder in den Griff zu bekommen. Doch Alkoholabhängigkeit ist eine Sucht. Die ewigen Beteuerungen, endlich weniger zu trinken, enden unweigerlich in der Enttäuschung. Vorwürfe, ein Gefühl von Ohnmacht oder Resignation sind die Folge. "Machen Sie sich bewusst, dass der Betroffene krank ist und nicht anders handeln kann".
Um dem Kreislauf aus Streit, Vorwürfen und Enttäuschungen zu entkommen, ist es wichtig, Abstand zu gewinnen. Brechen Sie das Tabu des "Nicht-darüber-sprechen-dürfens" und vertrauen Sie sich einer nahestehenden Person an. Sie können sich auch an eine Suchtberatungsstelle oder eine Selbsthilfegruppe für Angehörige wenden, oder mit einem Arzt Ihres Vertrauens sprechen. Überlegen Sie gemeinsam: Wie ist meine Beziehung zum Betroffenen? Welche Veränderungen erwarte ich von ihm? Was bin ich bereit zu tun, falls sich nichts ändert? Wie gehe ich mit ihm um, wenn er betrunken ist? Und nicht zuletzt: Wie kann ich selbst wieder Kraft schöpfen und den Kopf frei bekommen?
"Ganz wichtig ist, dass Angehörige wieder lernen, Dinge für sich selbst zu tun, um dem Strudel der Sucht zu entfliehen", sagt der Experte Weissinger. Widmen Sie sich beispielsweise wieder einem Hobby, das Sie lange haben ruhen lassen. Probieren Sie eine neue Sportart aus oder unternehmen Sie mal wieder einen Ausflug mit Freunden. Denn: "Wirklich helfen kann man Betroffenen nur, wenn sie von sich aus Hilfe suchen und auch annehmen. Es gibt eine Vielzahl von effektiven Beratungs- und Behandlungsangeboten für Suchtkranke". Lassen Sie die Sucht des Anderen nicht zum alles bestimmenden Faktor in Ihrem Leben werden.
Für Kinder alkoholabhängiger Eltern ist die Situation besonders schwierig. "Schätzungen zu Folge leben in Deutschland über zwei Millionen Kinder unter 18 Jahren in einem Haushalt mit einem alkoholabhängigen Familienmitglied", erzählt Volker Weissinger. Die Kleinen sind oft auf sich allein gestellt, leben häufig in chaotischen Verhältnissen und erleben teilweise auch Gewalt in der Familie. Je jünger die Kinder, desto schutzloser sind sie dieser Lebenssituation ausgeliefert. In diesem Fall sind Verwandtschaft, Freunde und Lehrer gefragt, auf die Kinder zu schauen und zu überlegen, wie man am besten helfen kann und wen man dabei einbeziehen sollte. Auch für Kinder und Jugendliche gibt es spezielle Selbsthilfegruppen.
Hier finden Angehörige Hilfe
Infotelefon zur Suchtvorbeugung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Persönliche Beratung bei Suchtproblemen, Vermittlung von lokalen Hilfs- und Beratungsangeboten sowie von Anschriften und Telefonnummern der Suchtberatungsstellen. Telefon: (02 21) 89 20 31
Vanessa von Blumenstein-Langer / www.apotheken-umschau.de;
14.03.2011
Bildnachweis: iStock/yurok
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