„Ich bin nicht dick, ich bin nur dick angezogen!“ Bei einem Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 40 klingt dieser Satz wenig überzeugend. In dieser Größenordnung hat man es nämlich schon mit einem massiven Übergewicht zu tun. Adipositas Grad III nennen es die Mediziner. „Ist dieser Zustand erst einmal erreicht, schaffen es nur noch die wenigsten, auf eigene Faust und dauerhaft abzunehmen“, erklärt Dr. Günther Meyer, Chefarzt an der Wolfartklinik und des dort ansässigen Adipositaszentrums in Gräfelfing bei München. „Die paar, die es schaffen, nehmen meistens nach kurzer Zeit wieder zu“, weiß der Adipositas-Chirurg.
In solch extremen Fällen, kann manchmal die bariatrische Chirurgie helfen – Operationen gegen das Übergewicht. „Dieser Schritt kommt aber nur infrage, wenn wirklich gar nichts anderes mehr funktioniert“, warnt Professor Volker Schusdziarra, Ernährungswissenschaftler an der Technischen Universität München. Außerdem müssen die Patienten von ganzem Herzen abnehmen wollen und auch bereit sein, hierfür ihre Ernährung und ihren Lebensstil umzustellen. Die Operation alleine bringt nichts.
Eine Möglichkeit auf dem Gebiet der Adipositas-Chirurgie ist der Magenschrittmacher. Er besteht aus einer Sonde, die in die Magenwand implantiert wird, und einem kleinen Steuercomputer mit Batterie, der zwischen Fett- und Muskelgewebe in die Bauchdecke einbaut wird. Der Eingriff erfolgt minimalinvasiv, dafür ist also keine große Operation notwendig. „Der Computer ist nur etwas größer als eine Kreditkarte“, erläutert Meyer. Sonde und Computer sind miteinander verkabelt.
Die Sonde des Magenschrittmachers gibt kleine Stromimpulse ab. Diese verlangsamen die Magenentleerung und täuschen dem Magen sehr bald ein Völlegefühl vor. Der zehnte Hirnnerv, der Nervus Vagus, meldet dem Gehirn: „Ich bin satt!“. Auch wenn der Patient die kleinen Reize oft nicht einmal bewusst wahrnimmt, reduziert er laut Meyer die Nahrungsmittelmenge, die er aufnimmt.
Schusdziarra hält den Effekt für wenig zuverlässig. Seiner Meinung nach ist Sättigung ein sehr leicht zu überlistendes Gefühl: „Bei wem passt das Mousse au Chocolate nach dem Schweinebraten nicht doch noch irgendwie in den Bauch?“
Bestimmte Magenschrittmacher können aber noch mehr. Sie vermerken auch Verzehr-Daten auf der Chipkarte. Außerdem registrieren und speichern sie auch, ob sich der Patient bewegt hat oder nicht. „Diese Informationen kann man nun via Bluetooth an den heimischen PC senden“, erklärt Meyer. Eine gnadenlose Selbstkontrolle. Auch der behandelnde Mediziner kann sich von Zeit zu Zeit ein unverfälschtes Bild machen. „Das ist vielen Patienten zunächst peinlich, verhilft aber oft auch zu einem gemäßigteren Essverhalten. Und das ist ja das Ziel“, so der Chirurg.
Einen Großteil des Erfolges in Studien mit diesem neuen Magenschrittmachersystem spricht Meyer auch der engen Betreuung der Probanden zu. Die Studienteilnehmer der zweiten Runde standen während der kompletten Behandlung mit Hilfe eines Netzwerkes im Internet miteinander in Kontakt. Sie konnten sich über ihre Probleme und Erfolge austauschen. Moderiert wurde das Forum von einem Teilnehmer, der in der ersten Studienrunde des Magenschrittmachers erfolgreich abgenommen hatte. „Würden alle Adipositas-Patienten so gut betreut, dann wären die Erfolge insgesamt sicherlich viel größer“, erklärt Meyer.
Ob sich das neue System durchsetzt, bleibt abzuwarten. Deutschlandweit haben Ärzte den Schrittmacher erst wenigen Patienten außerhalb von Studien eingesetzt. Auch muss – je nach Fall – geklärt werden, wer die Operationskosten trägt.
Andere Möglichkeiten
Neben dem Magenschrittmacher gibt es noch weitere Methoden zur chirurgischen Behandlung von Adipositas. Zum Beispiel das Magenband. Das Band schnürt den Magen am oberen Drittel ein. So verkleinert sich das Fassvolumen. Die Patienten sind viel schneller satt. Schusdziarra ist kein allzu großer Freund des Magenbandes. „Es liefert erst einmal gute Ergebnisse, aber ab einem Jahr fangen oft Probleme an. Einwachsungen, Verdrehungen und so weiter“, kritisiert der Ernährungswissenschaftler. Er hält ein ganz anderes System für den sinnvollsten bariatrischen Eingriff, und zwar den Schlauchmagen. Hierbei wird ein Teil des Magens entfernt. Jedes der Verfahren birgt jedoch auch seine Risiken. Diese sollten im Einzelfall abgewogen werden. Welche Methode für einen Patienten die beste ist, muss dieser mit seinen behandelnden Ärzten und entsprechenden Experten klären.
Schwierigkeiten des Abnehmens
Warum ist es eigentlich so schwer, ab einem bestimmten Übergewicht alleine abzuspecken? Schuld sind zum einen natürlich schlechte Gewohnheiten, zum anderen verändert sich aber auch der Körper durch die überflüssige Fettmasse. Stoffwechsel und Hormone pendeln sich neu ein. „Ab einem BMI von 28 bis 29 fällt die hormonelle Bremse. Von da an steigt das Gewicht meist kontinuierlich an“, warnt Meyer.
Die beste Therapie von Übergewicht ist und bleibt eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung. „Weniger essen, als man verbraucht", sagt Schusdziarra. Der Ernährungsspezialist hält einen operativen Eingriff nur dann für notwendig, wenn Patienten einen deutlich vergrößerten Magen haben. „Bei diesen Menschen setzt das Sättigungsgefühl erst nach sehr großen Nahrungsmengen ein, so dass das Abnehmen praktisch unmöglich wird.“
Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de;
28.04.2011, aktualisiert am 17.01.2012
Bildnachweis: Fotolia/Bacalao/2011
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